Raupen werden im Kokon lebendig gekocht – Für Seide

Was ist Seide?

Seide ist eine tierische Faser die vor allem aus Proteinen besteht. Das Material wird in kleinen Drüsen im Maul des Seidenspinners hergestellt. Die Raupe wickelt sich darin ein und bildet einen schützenden Kokon um ihren Körper. Anschließend verpuppt sie sich und verwandelt sich in einen Schmetterling.

Damit die Seide wirtschaftlich genutzt werden kann, wurde die Seidenraupe vor über 5.000 Jahren in China domestiziert. (1) Daraus entstand der Maulbeerspinner mit dem Namen Bombyx mori. Er wurde auf Hochleistung gezüchtet, ernährt sich hauptsächlich von Maulbeerblättern und ist in der Natur nicht überlebensfähig, da er gegenüber Veränderungen in seiner Umwelt, wie Temperaturschwankungen, äußerst empfindlich reagiert. (2) Um die Tiere besser kontrollieren zu können, wurde ihnen zudem die Flugfähigkeit weggezüchtet. (3) Neben dem Maulbeerspinner kommen noch andere Schmetterlingsarten wie der japanische Eichenseidenspinner zum Einsatz, deren Kokons jedoch nur einen kleinen Teil der weltweit gehandelten Seide ausmachen.
 

Wie wird Seide hergestellt?

Wie alle Schmetterlinge würde der Seidenspinner in Freiheit eine Verwandlung vom Ei, über die Raupe zur Puppe und schließlich zum geschlüpften Nachfalter durchlaufen. Doch um die Kokons unbeschädigt ernten zu können, wird der Seidenspinner noch in der Puppenphase getötet. Beim Schlüpfen würde er den endlosen Seidenfaden durchbeißen und somit die Qualität der Seide verschlechtern. Um das zu verhindern, werden die Kokons mitsamt den lebenden Puppen in kochendes Wasser geworfen oder heißem Wasserdampf ausgesetzt. Dabei kann man beobachten, wie die Tiere in ihren Kokons wild umherkriechen und versuchen, dem Tod zu entkommen.

Einige wenige Tiere dürfen aus ihren Kokons schlüpfen, um sich zu paaren und neue Eier zu legen, die für die Nachzucht benötigt werden. Überflüssige Eier werden zerstört oder eingefroren. Männliche Tiere werden oftmals in Kühltruhen aufbewahrt und nur zur Befruchtung hervorgeholt. Wenn sie nicht mehr leistungsfähig sind, werden sie nach der Paarung wie Müll entsorgt. (4) Die im Wasserbad getöteten Puppen werden ebenfalls entsorgt, in einigen Ländern wie Korea auch gegessen.

Die weltweite Seidenindustrie

Ein Großteil der Tiere wird heute in China, Indien und Usbekistan gezüchtet. (5) Nachdem die Seidenspinner getötet wurden, werden die Seidenfäden maschinell oder von Hand zu einem Garn aufgerollt und aufwendig gereinigt und von den natürlichen Kleberesten der Seidenspinner befreit. Danach wird die Seide gefärbt, bearbeitet und als Bekleidung, Accessoires oder Teppiche in Geschäften auf der ganzen Welt verkauft. Da für ein Gramm Seide etwa 15 Tiere getötet werden, bedeutet dies bei einer weltweiten Produktion von 192.692 Tonnen Seide (Stand 2016) den Tod von jährlich mehr als 2,8 Billionen Raupen. (5,6) Obwohl die Herstellung von Seide so viele Tiere das Leben kostet, macht sie nur 0,2 % aller Textilfasern aus und ist damit erschreckend ineffizient. (5)

Können Seidenspinner Schmerz empfinden?

Bislang ist die Leidensfähigkeit von wirbellosen Tieren noch schlecht erforscht – die vereinfachte Antwort lautet daher: Wir wissen noch nicht genau, ob und wie Raupen und Schmetterlinge Schmerz empfinden. Es ist jedoch bekannt, dass einige Insekten schmerzvermeidendes Verhalten zeigen und negativen Reizen ausweichen. (7,8) Auch Hummer wurde lange Zeit das Schmerzempfinden abgesprochen. Heute wissen wir, dass Hummer es sehr wohl spüren, wenn sie in kochendes Wasser geworfen werden. Aufgrund des steigenden Wissens, um das Schmerzempfindens von wirbellosen Tieren, wie Insekten, ist es unsere Verantwortung, auch den Seidenspinner vor Leid und Schmerz zu schützen.
 

Alternativen zu Seide

Wer die Optik von Seide liebt, aber niemanden lebendig verbrühen möchte, kann auf eine Reihe pflanzlicher und synthetischer Stoffe zurückgreifen. Fast alle Textil- und Modehersteller bieten Mikrofasern wie Nylon oder Polyester an, die den Glanz von Seide perfekt imitieren. Auch die Pflanzenwelt hat einiges zu bieten. Pima-Baumwolle ist besonders fein und überzeugt durch ihre schimmernde Oberfläche. Auch Kapok, Agavenfaserrn und Sojaseide lassen sich zu zarten Stoffen verarbeiten. Im Trend liegen zudem umweltschonende Lyocellfasern wie Tencel oder Modal, die sich auf der Haut leicht und weich anfühlen. Im Gegensatz zu tierischen Fasern locken diese Materialien auch keine Kleidermotten und Teppichkäfer an, die sich von den Eiweißfasern der Seide ernähren und die Textilien durchlöchern.

Biotechnologische Verfahren ermöglichen sogar die Imitation des Seidenproteins. Unternehmen wie Spiber, Amsilk oder BoldThreads lassen das Seidenprotein von Hefezellen oder Bakterien herstellen und kopieren damit die Eigenschaften tierischer Seide. Am Ende entsteht daraus ein Seidengarn der nicht nur für Kleidung, sondern auch für medizinische Zwecke und viele andere Bereiche eingesetzt werden kann. (9) Die Verfahren sind komplett tierfrei und könnten in naher Zukunft vielen Billiarden Seidenspinnern das Leben retten. 


Quellen:
1) Mary Schoesser (2007): Silk. Yale University Press New Haven and London; S. 61ff
2) Rahmathulla, V.K. (2012): Management of Climatic Factors for Successful Silkworm (Bombyx mori L.) Crop and Higher Silk Production: A Review. Psyche, Volume 2012, S.1ff
3) Focus (2016): Die traditionelle Zucht der Seidenraupe in Thailand. https://www.focus.de/wissen/videos/der-seidene-faden-die-traditionelle-zucht-der-seidenraupe-in-thailand_id_5270208.html
4) Aruga, Hisao (1994): Principles of Sericulture. A. A. Balkema, Rotterdam. S.349 ff
5) International Sericultural Commission (2017): Silk Industry. Statistics. http://inserco.org/en/statistics
6) Margherita Stancati (2011): Taking the Violence Out of Silk. The Wall Street Journal. https://blogs.wsj.com/indiarealtime/2011/01/04/taking-the-violence-out-of-silk/?mg=blogs-wsj&url=http%3A%2F%2Fblogs.wsj.com%2Findiarealtime%2F2011%2F01%2F04%2Ftaking-the-violence-out-of-silk
7) Elwood, Robert W (2011): Pain and Suffering in Invertebrates. https://www.researchgate.net/publication/243067984_Pain_and_stress_in_crustaceans
8)  Mather, Jennifer A. (2016): An invertebrate perspective on pain. Commentary on Key on Fish Pain. http://animalstudiesrepository.org/cgi/viewcontent.cgi?article=1046&context=animsent
9) Hörrlein, Simone (2017): Amsilk: Am seidenen Faden. Technology Review. Das Magazin für Innovation. https://www.heise.de/tr/artikel/Amsilk-Am-seidenen-Faden-3901436.html