Tierversuche in der Forschung und Produktentwicklung

Warum werden Tierversuche durchgeführt?

Tierversuche werden aus unterschiedlichen Gründen durchgeführt: Zum einen erfüllen sie eine Art Alibi-Funktion. Sie sollen bei den Verbrauchern den Eindruck erwecken, , dass die von ihnen verwendeten Produkte „sicher“ und „unbedenklich“ sind. Zum anderen fordern unterschiedliche Bestimmungen, rund 20 deutsche Gesetze und Verordnungen sowie knapp 20 EU-Richtlinien die Durchführung von Tierversuchen. Tierversuche oder Tierverbrauch kommen im Bereich der Grundlagenforschung, bei der Entwicklung, Erprobung und Wirksamkeit von Arzneimitteln, in der Aus-, Fort- und Weiterbildung, in der Kosmetikindustrie, im Bereich der Haushalts- und Pflanzenschutzmittel sowie im Bereich der Industriechemikalien vor. Angeblich können nur Tierversuche die Unbedenklichkeit der Produkte garantieren und vor möglichen Schäden schützen. Doch in der Vergangenheit hat sich immer wieder gezeigt, dass Tierversuche niemals eine Gewähr dafür bieten, ein sicheres Produkt in den Händen zu halten.

Machen diese Versuche Sinn?

Tierversuche für die Produktentwicklung sind nicht nur Tierquälerei, sondern auch unwissenschaftlich. Immer mehr Daten zeigen, dass Tierversuche Auswirkungen auf den Menschen nicht vorhersagen können. Die physiologischen Unterschiede zwischen den verschiedenen Tierarten sind zu groß, als dass sich die Ergebnisse gesichert auf den Menschen übertragen ließen. Oft reagieren bereits Mäuse und Ratten unterschiedlich auf Tests; wie soll es also möglich sein, von der Maus auf den Menschen zu schließen? Bewusst krankgemachte oder genetisch veränderte Tiere mit Flossen, Schnäbeln oder vier Beinen und Schwanz, die isoliert in sterilen Käfigen leben, können keine Blaupause für Menschen in ihrer immer komplexer werdenden Umwelt sein. Daher bestehen viele Medikamente die klinische Testphase nicht oder werden wieder vom Markt genommen.

Als bekanntestes Beispiel für die fatalen Auswirkungen, die in Tierversuchen getestete neue Produkte haben können, ist im Bereich der Medizin wohl Contergan zu nennen. Durch die Einnahme dieses Schlaf- und Beruhigungsmittels in der frühen Schwangerschaft kam es zu erheblichen Missbildungen der Föten im Mutterleib. Es wurden vorab zwar Tierversuche durchgeführt, offensichtlich jedoch mit den „falschen“ Tieren, denn im Tierversuch mit Ratten und Mäusen wurden keine teratogenen Schäden nachgewiesen. Im Nachhinein konnten ähnliche Missbildungen nur beim Neuseeland-Kaninchen und einer einzigen Affenart beobachtet werden, und dies bei einer mehrfach höheren Dosierung. Ein weiteres Beispiel ist der Blutfettsenker Cerivastatin (Lipobay), der bei Patienten zu Muskelzerfall und sogar zum Tod führen kann und daher wieder vom Markt genommen wurde. Wie man sieht, ist es nicht möglich, mittels Tierversuchen sichere Schlussfolgerungen für den Menschen zu ziehen. Somit sind Tierversuche nicht nur grausam, sondern auch gefährlich. Wichtige Medikamente wie Ibuprofen, Aspirin, Penicillin oder Phenobarbital wären heute nicht auf dem Markt, wären sie an Tieren getestet worden. So führt Ibuprofen bereits in geringer Dosierung zu Vergiftungen beim Hund. Auch Aspirin ist für den Hund absolut unverträglich und kann innerhalb kürzester Zeit zu Magen-Darm-Blutungen und bis hin zum Tod führen. Die Verabreichung von Penicillin beim Meerschweinchen kann diesem den Tod bringen.

Auch von der Grundlagenforschung profitieren vor allem die sogenannten Forscher, jedoch kaum die Betroffenen. So wird seit den 1980er-Jahren etwa an einer Heilung für Muskeldystrophie geforscht. Hunde, denen gezielt lähmende Muskelerkrankungen angezüchtet wurden, können nur unter großer Anstrengung gehen, schlucken und atmen. Dennoch brachte ihr Leiden und Sterben seit 30 Jahren keine Heilungs- und Therapiemöglichkeiten. So viel Forschung und doch kein Heilmittel. Warum? Weil die künstlich erzeugte Muskelerkrankung eines Hundes einfach nicht mit der eines Menschen vergleichbar ist.

Seit 2013 werden doch in der EU keine Tierversuche mehr für Kosmetika durchgeführt?

Das Thema Tierversuche und Kosmetik ist sehr komplex. Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass die Thematik seit März 2013 in der EU eigentlich ganz klar sein sollte: Denn seither gilt ein generelles Verkaufsverbot für Kosmetikprodukte, für deren Inhaltsstoffe nach diesem Datum Tierversuche durchgeführt wurden. Das bedeutet, dass Produkte, für die Versuche außerhalb der EU durchgeführt wurden, auf dem europäischen Markt nicht mehr verkauft werden dürfen. Dennoch können international agierende Kosmetikkonzerne nach wie vor Tierversuche für Inhaltsstoffe und Produkte durchführen, die sie nicht in die EU einführen, sondern beispielsweise nach China exportieren. Dort sind Tierversuche sogar verpflichtend vorgeschrieben. Auch wenn sich ein Produkt mit dem Werbeslogan „Nicht an Tieren getestet“ rühmt, kann es also zu einem Unternehmen gehören, das Tierversuche nicht ablehnt. Außerdem werden Inhaltsstoffe, die nicht ausschließlich für Kosmetika verwendet werden (z. B. Duft- und Farbstoffe), unter dem Deckmantel der europäischen Chemikalienverordnung REACH weiterhin in grausamen Tierversuchen getestet. So werden beispielsweise tausende Tiere in tödlichen Experimenten dazu gezwungen, Nanomaterialien einzuatmen oder zu schlucken. Auf der Website Kosmetik ohne Tierversuche finden Sie Hersteller, die PETA schriftlich eine tierversuchsfreie Unternehmenspolitik, einschließlich ihrer Zulieferer, zusichern.

In welchen Bereichen finden noch Tierversuche statt?

Ob in Textilien, Lebensmitteln, Kunststoffen, Farben, Putz- und anderen Haushaltsmitteln oder Klebstoffen: Chemikalien sind aus unserem Leben nicht wegzudenken. Bei der Neuzulassung von Produkten und im Rahmen der europäischen REACH-Verordnung ist eine Reihe von Tierversuchen vorgesehen. Die EU verabschiedete im Jahr 2006 ein neues Gesetz, das unter dem Namen REACH bekannt wurde. Diese Verordnung verpflichtet Chemieunternehmen, Informationen über die gesundheitlichen und umwelttechnischen Gefahren nahezu jeder Chemikalie, die in Europa genutzt wird, vorzulegen. Das Gesetz fordert die Ergebnisse von Tierversuchen; wenn das jeweilige Unternehmen diese Ergebnisse nicht vorweisen kann, müssen neue Versuche durchgeführt werden. Eigentlich gestattet REACH Tierversuche nur als letzte verbleibende Möglichkeit. Doch bis 2010 wurden bereits über 200.000 Tiere Versuchen unterzogen, um die Bedingungen des Programms zu erfüllen; bis 2016 hat sich die Zahl auf über eine Million erhöht.

Verbraucher und Industriearbeiter sollen so vor den schädlichen Auswirkungen von chemischen Stoffen geschützt werden. Doch Tierversuche bieten keinen Schutz vor giftigen Substanzen – im Gegenteil. Irreführende Tierversuchsergebnisse haben immer wieder dazu geführt, dass die Gefährlichkeit von Stoffen nicht oder zu spät erkannt wurde. Jahrzehntelang wurden beispielsweise die krebserregenden Eigenschaften von Asbest verleugnet, weil Ratten den Stoff wesentlich besser tolerieren als der Mensch. In einer Studie wurde festgestellt, dass Menschen gegenüber Asbest 300 Mal empfindlicher sind als Ratten. In einer anderen Untersuchung mussten Ratten eine 100fach höhere Konzentration Asbest als Asbestarbeiter einatmen, um an Lungenkrebs zu erkranken, und sogar eine 1000fach höhere Konzentration, um Krebs des Bauch- und Brustfells zu entwickeln. Hamster sind gegenüber Asbest sogar noch unempfindlicher. Die krebsauslösende Wirkung von Asbest wurde schließlich durch Humanstudien, vor allem im Bereich der Arbeitsmedizin, aufgedeckt. Hätte man sich auf die Tierversuchsergebnisse verlassen, würden wohl heute noch Asbestplatten in unseren Schulen und Kindergärten unter der Decke hängen.

Werden auch für Tiernahrung Tierversuche durchgeführt?

Wer sich dafür entschieden hat, einen tierischen Mitbewohner bei sich aufzunehmen, kommt schnell an den Punkt, sich Gedanken über gesunde und artgerechte Tiernahrung zu machen. Zum einen möchte man dem Tier Nahrung anbieten, die seinen natürlichen arteigenen Bedürfnissen möglichst nahekommt, zum anderen wollen gerade vegane oder vegetarische Tierhalter vermeiden, dass für die Mahlzeiten ihres tierischen Freundes andere Tiere leiden und sterben müssen. Vielen Tierhaltern ist jedoch nicht klar, dass konventionelle Tiernahrung häufig an Hunden und Katzen getestet wird. Was im ersten Moment so klingt, als bekämen diese Tiere verschiedene Futterproben auf dem Silbertablett serviert, bedeutet in Wahrheit ein Dasein unter äußerst traurigen Bedingungen in Versuchslaboren. Im Laufe der Tests, die weder gesetzlich vorgeschrieben noch in irgendeiner Weise notwendig sind, werden die Tiere gezielt krankgemacht oder müssen häufig ihr Leben lassen.

Für die Entwicklung von speziellen Diäten für dicke, dünne, kleine, große, junge oder alte Hunde und Katzen werden Tiere benötigt, die diese Besonderheiten aufweisen, sowie entsprechende Kontrollgruppen. So kann es kommen, dass Hunde und Katzen gezielt krankgemacht werden. Beispielsweise werden ihre Nieren chirurgisch oder mit Chemikalien zerstört, um Diätfuttermittel für Tiere mit Nierenproblemen zu testen. Der künstlich hervorgerufene Organschaden unterscheidet sich jedoch grundlegend von der natürlich entstandenen Erkrankung der Tiere, die mit und bei uns leben. Unter unnatürlichen Bedingungen gehalten, fristen sie ihr Dasein im Labor – als Stellvertreter für den geliebten tierischen Mitbewohner. Aufgrund der unterschiedlichen äußeren Bedingungen hinsichtlich psychischer, sozialer, ernährungs- und umweltbedingter Faktoren lassen sich die experimentell gewonnenen Ergebnisse zur Verträglichkeit und Wirksamkeit einer Tiernahrung nicht mit der nötigen Sicherheit auf andere Tiere übertragen. Neben der Kritik an der Methode muss gerade in diesem Bereich auch die ethische Vertretbarkeit hinterfragt werden: Dürfen wir Tiere als Versuchsobjekte missbrauchen, nur weil sie das Pech hatten, für die Forschung geboren zu werden, und nicht als Familienhund oder Schmusekatze? Nein.

Viele Tiernahrungshersteller thematisieren die Frage nach Tierversuchen mittlerweile auf ihrer Website oder auf Anfragen von Verbrauchern. Doch ihre Aussagen und Antworten müssen oft sehr genau gelesen werden, um zu verstehen, was wirklich dahintersteckt. Häufig sind sie ausweichend und verschleiern die Tatsachen. Beispiel: Aussagen wie „Dieses Produkt wurde nicht an Tieren getestet“ bedeuten häufig nur, dass zwar das Endprodukt nicht, wohl aber die Inhaltsstoffe an Tieren getestet wurden. PETA bietet eine Liste mit tierversuchsfreier Tiernahrung sowie pflanzlichen Alternativen an. Dort werden ausschließlich Unternehmen genannt, deren Firmenpolitik eindeutig Stellung gegen Tierversuche bezieht.

Warum werden keine Alternativmethoden genutzt?

Obwohl Alternativmethoden zur Verfügung stehen, müssen Tiere noch immer in Versuchen leiden. Sie werden von ihren Artgenossen isoliert, in winzige Käfige gezwängt und müssen qualvolle Experimente ertragen. Spätestens nach Abschluss der Versuche werden die meisten von ihnen getötet. Heutzutage gibt es zahlreiche tierversuchsfreie Methoden, für die kein Tier leiden und sterben muss. So besteht die Möglichkeit, toxikologische Testreihen für pharmazeutische Wirkstoffe, Chemikalien, Kosmetika und Konsumgüter mithilfe von In-vitro-Tests basierend auf menschlichen Zellen durchzuführen. Außerdem gibt es zahlreiche 3-D-Organmodelle, an denen beispielsweise Verstoffwechslungsvorgänge getestet werden können. Ebenso können computergestützte Verfahren eine sinnvolle Alternative darstellen. Auch Mikroorganismen wie Bakterien oder Pilze können als Frühindikatoren für die Schädlichkeit einiger Chemikalien dienen. Einige Studien lassen sich in einer sogenannten Microdosing-Testreihe auch bedenkenlos an freiwilligen Probanden testen. Es gibt also keinen Grund, Tiere in Tierversuchen zu quälen.

Im Gegensatz zu Tierversuchen erhalten tierversuchsfreie Alternativmethoden leider kaum finanzielle Förderungen durch Bund, Länder und andere Einrichtungen. Hinzu kommt, dass eine große Industrie von Tierversuchen profitiert – angefangen bei Händlern, Herstellern von Käfigen und Zubehör bis hin zu den „Wissenschaftlern“. Aus diesem Grund muss die Regierung verstärkt in die Zukunft tierversuchsfreier Alternativmethoden investieren. Solange für die Finanzierung von Tierversuchen ein Vielfaches dessen ausgegeben wird, was für die Entwicklung von Ersatzmethoden zur Verfügung steht, kann es zu keiner wesentlichen Reduktion der Tierversuche kommen. Tierversuche könnten längst abgeschafft sein, wenn bei den Verantwortlichen der Wille vorhanden wäre. Dass dies machbar ist, zeigen die Niederlande. 2016 gab die niederländische Regierung bekannt, bis 2025 keine tierischen Testmethoden mehr zu verwenden. Diese bahnbrechende Entscheidung ist die allererste ihrer Art und spiegelt sowohl die enormen innovativen Fortschritte in der Spitzenforschung wider, als auch den Wandel der gesellschaftlichen Einstellung und der moralischen Überzeugung, Tiere nicht für Versuche zu missbrauchen. Und zweifellos nimmt sie Vorbildfunktion für andere Länder ein, so auch für Deutschland.

Einen ausführlichen Text zu Alternativen finden Sie hier