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Ratten empfinden Mitgefühl und helfen Artgenossen in Not

 
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Aber was ist mit den Wissenschaftlern, die an ihnen experimentieren?

Stand Juli 2015
Gastbeitrag von Dr. Alka Chandna

Dr. Alka Chandna ist eine leitende Tierversuchsexpertin bei PETA USA.
Der Original-Artikel ist am 24.06.2015 im Bioethics Forum des Hastings Center erschienen. Das Hastings Center ist ein parteiunabhängiges US-amerikanisches Forschungsinstitut für Bioethik.

 
Jahrzehnte der Forschung haben immer wieder bewiesen, dass Ratten kluge Individuen sind, die Schmerz und Freude empfinden können, sich um andere kümmern, Emotionen erkennen können und auch fremden Ratten helfen – sogar, wenn dadurch ein Nachteil für sie selbst entsteht. Es ist an der Zeit, dass wir das, was wir von den Ratten gelernt haben, auch endlich auf uns selbst beziehen und aufhören, in Laboratorien an den Tieren zu experimentieren.

Kürzlich ging eine Versuchsreihe durch die Medien, die an der japanischen Kwansei-Gakuin-Universität durchgeführt wurde. Diese kam zu dem Schluss, dass Ratten anderen Ratten helfen, selbst wenn sie dadurch auf eine Futterbelohnung verzichten müssen.

Die Wissenschaftler setzten dafür eine Ratte in ein Wasserbecken – eine Situation, in der Ratten panisch versuchen zu entkommen, um nicht zu ertrinken. Eine zweite Ratte auf einer Rampe musste herausfinden, wie sie eine Tür öffnen konnte, um die ertrinkende Ratte in Sicherheit zu bringen. Die Forscher beobachteten, dass die Ratten schnell lernten, die Tür für ihre Artgenossen zu öffnen. Ließ man ihnen die Wahl, einer ertrinkenden Ratte die Tür zu öffnen oder die Tür zu einer Schokoladen-Leckerei aufzuschließen, halfen die Ratten zuerst der Ratte in Not – und teilten anschließend die Schokolade mit ihr. Ratten, die bereits selbst in dem Wasserbecken gewesen waren, öffneten die Tür noch schneller, um den panischen Tieren zu helfen.

Diese Studie ist nur das jüngste Beispiel aus fast 60 Jahren Forschung, die bewiesen hat, dass Ratten Mitgefühl zeigen, wenn ihre Artgenossen Schmerzen haben oder unter Stress stehen, und dass sie ihnen in einer solchen Situation aktiv helfen.

Schon in den 1950er Jahren fand man in Experimenten an der Brown University heraus, dass Ratten, die darauf trainiert waren, einen Hebel zu betätigen, um Nahrung zu erhalten, den Hebel nicht mehr betätigten, sobald ihnen klar wurde, dass Artgenossen in einem angrenzenden Käfig bei jeder Betätigung vor Schmerzen schrien, weil sie einen Elektroschock erhielten.

In den 1960ern trainierten Wissenschaftler Ratten mittels Elektroschocks darauf, einen Hebel zu betätigen, um einen Klotz herunterzulassen, der an einem Flaschenzug hing. Dann hängten die Wissenschaftler eine Ratte in einem Geschirr an dem Flaschenzug auf. Die Notizen zu dem Versuch lauten: „Dieses Tier quietschte und wand sich in der Aufhängung wie erwartet; tat es das nicht, wurde es so lange mit einem spitzen Bleistift gestochen, bis es Anzeichen von Unwohlsein zeigte.“ Eine Ratte, die die Situation vom Boden aus beobachtete, betätigte den Hebel, um die verzweifelte Ratte in Sicherheit zu bringen – selbst wenn für die Ratte kein Risiko eines Elektroschocks bestand.

Wie die jüngsten Versuche aus Japan zeigen, hält diese morbide Neugier über den vielfach dokumentierten physischen und emotionalen Schmerz und Stress von Nagern leider auch weiterhin an. 2011 führten Forscher an der University of Chicago Versuche durch, um das „emphatisch motivierte Sozialverhalten“ von Ratten zu testen. Eine „freie“ Ratte wurde dabei neben eine ihr bekannte Ratte gesetzt, die in einer beiden Ratten unbekannten Röhre fixiert war. Die eingesperrten Ratten kommunizierten ihr Unbehagen durch Ultraschall-Alarmlaute und die Forscher konnten beobachten, wie die nicht eingesperrten Ratten „den Fixierungsmechanismus umkreisten, an ihm scharrten und hineinbissen und mit der fixierten Ratte durch Löcher in der Röhre Kontakt aufnahmen …“ Die freien Ratten lernten schließlich, die gefangengehaltenen Artgenossen zu befreien. Die Forscher notierten: „Sie befreiten die ihnen aus ihrem Käfig bekannten Ratten, indem sie genug Kraft aufwendeten, um die Tür des Fixierungsmechanismus zu öffnen – … selbst, wenn jeder soziale Kontakt unterbunden worden war. Wenn die Tiere sich entscheiden mussten, ob sie einen Artgenossen befreien oder Schokolade aus einer zweiten Röhre holen wollten, öffneten die Ratten beide Röhren und teilten die Schokolade in der Regel miteinander.“
Ratten zeigen immer wieder Mitgefühl, Altruismus und Fairness.

Aber was können wir über die emotionale Intelligenz der Forscher sagen, die Tiere immer wieder absichtlich unter Stress und Angst setzen, obwohl ihnen bestens bekannt ist, dass die Tiere leiden und sich um das Wohl anderer sorgen?

Leider sehen viele Forscher den Wald vor lauter Bäumen nicht. Statt aus diesen Belegen die logische Schlussfolgerung zu ziehen, dass man nicht Millionen von Ratten im Labor einsperren, verbrennen, infizieren, verstümmeln oder mit Elektroschocks quälen sollte – oder dass ihnen zumindest ein minimaler gesetzlicher Schutz zustehen sollte –, nutzen viele diese Informationen lediglich als Grundlage für weitere Experimente. Zumindest einem Forscher fiel dieser Konflikt kürzlich auf: „Je mehr derartige Experimente wir machen, umso mehr fragen wir uns, ob wir derartige Experimente machen sollten.“