Politiker und Jagd: Hobbyjäger im Bundestag verhindern Tierschutz

Der ehemalige Bundespräsident Walter Scheel war sein halbes Leben lang Jäger. Auch Politiker wie Franz Josef Strauß und Erich Honecker gingen der Jagd nach. [1] Im Mai 2019 waren von 709 Bundestagsabgeordneten etwa 30 Jäger; die genaue Zahl ist unbekannt, weil die Angabe von Hobbys freiwillig ist. Fast alle der mindestens 30 jagenden Abgeordneten, die bekannt sind, gehören der CDU, FDP oder der AfD an, nur einer ist von der SPD. [1]

Von 83,2 Millionen Deutschen hatten 2019 fast 390.000 einen Jagdschein; das entspricht weniger als 0,5 Prozent der Bevölkerung. [2] Zum Vergleich: Im Bundestag haben 4,23 Prozent der Abgeordneten die Jagd als Hobby angegeben. Damit sind Jäger im Deutschen Bundestag im Vergleich zur Gesamtbevölkerung rund neunfach überrepräsentiert.

Warum die Politik nicht für mehr Tierschutz bei der Jagd sorgt

Die hohe Anzahl jagender Politiker im Bundestag ist ein wichtiger Grund dafür, dass in den Jagdgesetzen so gut wie kein Tierschutz existiert: Noch immer sind extrem grausame Jagdpraktiken wie die Baujagd, die Fallenjagd oder die Ausbildung von Hunden an lebenden Tieren erlaubt. Eine tierschutzgerechte Überarbeitung der Jagdgesetze widerspricht den Interessen der jagenden Bundestagsabgeordneten; Forderungen nach einem verbesserten Tierschutz bei der Jagd werden regelmäßig zurückgewiesen.
 

Fünf jagende Bundestagsabgeordnete: Wie Politiker ihr mörderisches Hobby begründen

Im Bundestag sitzen auch heute noch zahlreiche bekennende Jäger: Beispielsweise Hans-Jürgen Thies (CDU), Karlheinz Busen (DFP) oder Peter Felser (AfD). Auch FDP-Parteichef Christian Lindner und Philipp Amthor (CDU) stehen offen zu ihrem blutigen Hobby.

Die wenigsten Jäger geben offen zu, dass die Lust am Töten im Vordergrund steht. Stattdessen wird auf die angebliche Notwendigkeit ihres brutalen Hobbys verwiesen. Zur Rechtfertigung schieben sie Artenschutzgründe und Tierkrankheiten oder auch vermeintliche Wildschäden vor. Dementsprechend begründen auch jagende Politiker das Töten von Tieren damit, dass die Jagd sinnvoll sei. [1] Zahlreiche Wissenschaftler und Wildbiologen sind sich jedoch einig, dass die Jagd ökologisch nicht notwendig ist. Der renommierte Wildbiologe Professor Dr. Josef Reichholf betont beispielsweise, dass sich wild lebende Tierpopulationen schon immer selbst reguliert haben – nicht etwa durch Beutegreifer wie den Wolf oder den Luchs, sondern hauptsächlich durch natürliche Umwelteinflüsse wie Witterung, Krankheiten und Nahrungsverfügbarkeit. [3]

So stehen jagende Politiker zu ihrem tierquälerischen Hobby

2019 hat der Spiegel-Journalist Marc Hujer einige Politiker bei der Jagd begleitet und interviewt.
 

  • Peter Felser (AfD), Mitglied im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft

    Peter Felser ist der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der AfD und auch Mitglied im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft, in dem über den Tierschutz entschieden wird. Seinen Jagdschein besitzt er seit 2002. Zusammen mit drei anderen Hobbyjägern nahm er den Journalisten mit zu einer Ansitzjagd. [4] Noch bevor es losging, versprach er: „Heute kriegen Sie auch eine Wildwurst“. [5] Als ein Reh auftauchte, legte Felser sein Gewehr an – doch er durfte es nicht erschießen, das Reh könnte ein Kitz haben, das ohne Mutter keine Chance hätte. Dann erschien das zugehörige Rehkitz – dieses durfte er schießen. Zunächst stand es zu nah an seiner Mutter, als diese sich von ihrem Kind entfernte, drückte er ab. Er wartete fünf Minuten, „damit das Tier in Ruhe sterben kann.“ [5] Dann ging er zusammen mit dem Journalisten zum toten Rehkitz: „Was Sie jetzt sehen, ist reine Materie“ [5], kommentierte er die Leiche des Rehkitzes.

    Anschließend trug er das tote Tier zu seinem Auto, wo er es zerschnitt: Brust und Bauch schlitzte er auf, die Speiseröhre trennte er ab, die Eingeweide nahm er in einem Stück heraus. Als er das Herz entnahm, sagte er: „Schauen Sie mal her, das hat nur noch den Schlag gespürt, einen Satz gemacht und vielleicht noch einmal den Himmel gesehen. […] Sie sehen also, dass ich das Handwerk beherrsche.“ Danach sucht er nach einem Fichtenzweig, um ihn der Tierleiche in den Mund zu legen, „den letzten Bissen“ [5], um dem toten Tier die letzte Ehre zu erweisen. „Dein Körper bleibt hier […] deine Seele lebt weiter.“ [5]

  • Karlheinz Busen (FDP), Mitglied im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft

    Karlheinz Busen (FDP), ebenfalls Mitglied im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft, ist seit 1982 im Besitz seines Jagdscheins. Eigentlich wollte er den Journalisten zu einer Drückjagd mitnehmen – doch seine Jägerfreunde meinten, das wäre keine gute Idee und rieten ihm davon ab. Stattdessen empfing Busen den Journalisten in seinem Wohnhaus und nahm ihn anschließend mit zum nahegelegenen Schießstand.

  • Hans-Jürgen Thies (CDU), Mitglied im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft

    Hans-Jürgen Thies (CDU), Mitglied im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft, hat seinen Jagdschein seit 1975. Er empfing den Journalisten zunächst in seiner Jagdhütte, danach ging es in den Wald. [4] Der Politiker testete an dem Abend ein geliehenes Nachtsichtgerät und zeigte Begeisterung für die technischen Hilfsmittel, die erfunden wurden, damit der Mensch es mit den Tieren aufnehmen kann, „denen er, was die Sinne betrifft, natürlich absolut unterlegen sei.“ [4] An dem Abend entdeckte Thies immer wieder Tiere, die nicht geschossen werden dürfen. [4]

  • Christian Lindner (FDP), Bundesvorsitzender

    Der Bundesvorsitzende der FDP, Christian Lindner, hat ebenfalls seit 2018 einen Jagdschein. [6] Auf die Frage, ob ihn der erste Schuss auf ein Reh Überwindung gekostet hätte, antwortete er im Interview: „Der Moment des Bedauerns ist eher nach dem Schuss. Wenn man das kleine Wesen im Gras liegen sieht – mit winzigen Hufen und Knopfaugen.“ Dann fuhr er fort: „Nur wenn man kein Herz hat, ist man beim ersten Mal nicht gerührt.“ Der Anblick des toten Rehs hat Lindner offensichtlich nicht von der Jagd weiterer Rehe abgehalten – sein erstes getötetes Reh blieb nicht sein letztes: „Ich habe ganz bewusst entschieden, mit viel Aufwand den Jagdschein zu machen.“ Lindner begründet seine Entscheidung für die Jagd damit, dass sie „eine bewusste Form der Lebensmittelproduktion“ ist und der „Wohlstandsfleischesser an der Kühltheke […] schnell entfremdet von der Natur [ist].“ Dann argumentiert er weiter, dass der Wildbestand reguliert werden müsse, da er sonst so stark wachsen würde, dass die Natur und Landwirtschaft massiv geschädigt würden – was jedoch ein weit verbreiteter Irrglaube ist. [7]

  • Philipp Amthor (CDU), Abgeordneter im Bundestag

    Philipp Amthor, Abgeordneter der CDU im Bundestag, hat seinen Jagdschein ebenfalls seit 2018. Auch er sprach mit dem Journalisten Hujer über den ersten Schuss auf ein Tier [8] – noch bevor er selbst das erste Mal auf ein Tier geschossen hatte: „Ja klar […] man hat gesunden Respekt davor und ist auch aufgeregt in diesem Moment. Grundsätzlich sollte man davor Respekt, aber keine Angst haben.“ [9]

    Amthor gehört zu den Konservativen der CDU und steht für seine konservative Haltung ein – dazu passt auch seine Vorstellung von der Jagd: „Aus dem ländlichen Raum kommend, fand ich es gerade faszinierend, mehr über die Jagd und die Umwelt zu erfahren. Sie hat in mir eine Leidenschaft erweckt.“ [10] Wochen später begleitete Journalist Hujer auch Amthor zur Jagd; inzwischen hatte Amthor bereits Tiere bei der Jagd getötet. Amthor präsentierte Hujer eine seiner Patronen: eine .300 Winchester Magnum. Die Patrone gilt für den deutschen Wald als großes Kaliber, mit ihr könnte ein Braunbär getötet werden. Im Internet wird die Frage diskutiert, ob die Kugel für manche Tiere wie Rehe oder Hirsche zu stark sei – wenn sie mit diesem Kaliber getroffen werden, bleibt vom Fleisch nicht mehr viel übrig. [11] Am Ende des Tages zeigte Amthor sich enttäuscht, dass ihnen „kein jagdbares Wild“ begegnet ist. [12]

Jagd als Hobby: Brutale „Leidenschaft“ von Politikern

Für viele Politiker ist die Jagd und der damit verbundene Mord an Tieren eine „Leidenschaft“, wie Philipp Amthor diese traurige Art der Freizeitbeschäftigung bezeichnet. Diese Lust am Töten wird meist unter dem Deckmantel eines angeblichen Naturschutzes versteckt – damit rechtfertigen nicht nur Bundestagsabgeordnete ihr grausames Hobby. Tatsächlich trägt die Jagd jedoch nicht zum „Artenschutz“ bei.
 

Jedes Jahr töten Jäger in Deutschland Millionen Wildtiere, Zehntausende Katzen und Tausende Hunde. In nur wenigen Wochen können Privatpersonen den Jagdschein machen und anschließend legal auf wehrlose Tiere schießen. Oft rechtfertigen Jäger ihr blutiges Hobby mit fadenscheinigen oder bewiesenermaßen falschen Argumenten. Anerkannte Wissenschaftler sind sich einig, dass die Jagd unnötig und sogar kontraproduktiv ist: So führt sie bei verschiedenen Wildtierarten sogar zu einer erhöhten Geburtenrate und Zuwanderung.

Was Sie tun können

Ein Großteil der jagenden Politiker lässt sich bestimmten politischen Richtungen zuordnen. Dennoch: Bundestagsabgeordnete geben ihre Hobbys freiwillig an – daher ist die tatsächliche Anzahl der jagenden Politiker im Bundestag unbekannt. Andere Politiker machen ihr blutiges Hobby möglicherweise einfach nicht öffentlich.
 

  • Wer gegen das hobbymäßige Töten von Tieren ist, sollte sich überlegen, welche Parteien er bei der Wahl mit seiner Stimme unterstützen möchte – und sich in jedem Fall ausführlich über die aufgestellten Politiker und das Programm der verschiedenen Parteien informieren. Unsere Wahlprüfsteine können Ihnen vor Landtags- oder Bundestagswahlen dabei helfen.
  • Bitte geben Sie einer Partei Ihre Stimme, die dem Thema Tierschutz eine hohe Priorität einräumt.
  • Wenn Sie Grundstückseigentümer sind, können Sie einen Antrag auf jagdliche Befriedung stellen, um ein Jagdverbot auf Ihrem Grundstück zu erwirken.