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Zoos züchten bedrohte „Nutztiere“: Warum das kein Artenschutz ist

Robert Scarth / CC BY-SA 2.0

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft fördert ein Projekt zum Erhalt alter „Nutztierrassen“ mit 250.000 Euro. Zahlreiche Zoos und Tierparks, die zum Verband der Zoologischen Gärten (VdZ) gehören, planen ab Herbst 2020 für zunächst drei Jahre die Züchtung sogenannter Nutztiere, die in der heutigen Tierwirtschaft kaum noch vorkommen. Dazu gehören unter anderem Rinder-, Schaf- und Schweinearten. Warum das geplante Vorhaben fragwürdig ist, erfahren Sie hier.

Alte „Nutztierrassen“: Nicht profitabel genug für die Lebensmittelindustrie

Insgesamt 56 Tierparks, die Mitglied im Verband der Zoologischen Gärten sind, haben ein gemeinsames Projekt gestartet. Unter dem Deckmantel des Artenschutzes sollen verschiedene bedrohte „Nutztierrassen“ in Zoos und Tierparks in Deutschland gezüchtet und als Anschauungsobjekte ausgestellt werden. Der Bund fördert die Haltung bestimmter Rinder-, Schaf- und Schweinerassen in ausgewählten Zoos. [1]

Doch statt die Zucht und Haltung von „Nutztieren“ weiter zu fördern – egal, in welcher Form –, sollte das Bundesministerium öffentliche Gelder besser nutzen, um Projekte zur Reduzierung des Fleischkonsums zu fördern und darüber aufzuklären, dass die Tierwirtschaft maßgeblich zu Klimawandel und Artensterben beiträgt. Auch Zoos zeigen mit derartigen Projekten, wie wenig ihnen eigentlich am Artenschutz gelegen ist.

So leiden Qualzuchten in der Ernährungsindustrie

Sogenannte alte „Nutztierrassen“ gelten in der heutigen Tierindustrie als unprofitabel. Die Tiere in der Eier-, Mich- und Fleischindustrie sind ohne Rücksicht auf gesundheitliche Folgen auf Hochleistung gezüchtet. In den vergangenen Jahrzehnten hat der Mensch verschiedene Tiere so auf Wirtschaftlichkeit getrimmt, dass sie von Anfang bis Ende ihres meist kurzen Lebens unter den Zuchtmaßnahmen leiden.

Hühner, Puten, Enten und Gänse wurden züchterisch so verändert, dass sie möglichst schnell möglichst viel Fleisch ansetzen, vor allem im Brust- und Beinbereich. Zusammen mit energiereicher Nahrung und bestimmten Medikamente führt das dazu, dass beispielsweise Hühner in der Mast bis zum Ende ihres Lebens nach meist weniger als 40 Tagen insgesamt zwei Kilogramm zunehmen. Die Folgen sind schmerzhafte Knochendeformierungen und Bewegungsunfähigkeit, Herz-Kreislauf-Probleme und Organversagen – oft sterben die Tiere dadurch verfrüht. Außerdem legen Hühner in der Eierindustrie zuchtbedingt meist über 300 Eier im Jahr. Ursprünglich legten sie wie andere Vögel jedoch nur wenige Eier zur Fortpflanzung. Diese unnatürlich hohe Anzahl verursacht bei Hühnern nach kurzer Zeit massive körperliche Beschwerden: Der hohe Kalziumverlust über die Eierschalen führt zu deformierten und brüchigen Knochen, oft leiden sie außerdem unter entzündeten Legedärmen, deren Folge entzündliche Kloaken und dauerhafter Schmerz sind. Durch die Züchtung sind die Tiere gezwungen, fortwährend Eier zu produzieren, bis die Legeleistung nach ein bis zwei Jahren nachlässt und sie im Schlachthof getötet werden.

Huhn mit entzündeter Kloake in einer Biofarm
Ganz ähnlich sieht es bei Kühen in der Milchindustrie aus: Züchtung und hohe Mengen an Kraftfutter treiben die Tiere zu Hochleistungen an, damit verbundene Krankheiten werden immer häufiger mit Antibiotika behandelt. Nur durch diese Maßnahmen sind Kühe überhaupt in der Lage, solch unnatürlich großen Mengen an Milch zu produzieren, die über die Versorgung ihrer Kälber hinausgehen. Die Folge sind Euterentzündungen und Stoffwechselprobleme. Meist gelten Kühe nach weniger als fünf Jahren als unwirtschaftlich und werden im Schlachthof getötet, weil sie krank werden oder ihre Leistung nachlässt.
 
Feminismus Milch

Staatlich gefördertes Tierleid in Zoos und Tierparks: fragwürdig und sinnlos

Die Haltung und Zucht von „Nutztieren“ ist für den Umwelt- und Artenschutz katastrophal: Denn aufgrund der global extrem hohen Nachfrage nach Fleisch werden mehr als 70 Prozent aller landwirtschaftlich genutzten Flächen für Tierhaltung und Futtermittel verwendet. Die damit einhergehende Umweltzerstörung begünstigt den Klimawandel und darüber hinaus die Zerstörung des Lebensraums unzähliger Tierarten, die wiederum unter dem Vorwand des Artenschutzes in Zoos zur Schau gestellt werden. [2] In besonders gefährdeten Regionen können sich die vorhandene Flora und Fauna nicht schnell genug an die klimatischen Veränderungen der Erderwärmung anpassen. In diesen Gebieten sterben 39 Prozent der Pflanzen- und 50 Prozent der Tierpopulationen aus. [3] Die landwirtschaftliche Tierhaltung und somit der Konsum tierischer Produkte ist in hohem Maße für den Klimawandel und damit auch für das weltweite Artensterben verantwortlich: Immer mehr Tierarten sind in ihren natürlichen Lebensräumen vom Aussterben bedroht. Einer aktuellen Studie zufolge sind in den vergangenen 50 Jahren weltweit mehr als zwei Drittel der Tierwelt vom Menschen zerstört worden [4].

Die dramatische Problematik des Artensterbens bedrohter Wildtiere kann die Zucht im Zoo jedoch nicht lösen. Statt auf die Züchtung in Zoos und Tierparks zu setzen, sollten die Bedürfnisse der Tiere in den Vordergrund rücken: Denn alle Tiere haben das Recht auf ein unversehrtes Leben in Freiheit. Sie sind weder Produktlieferanten noch Anschauungs- oder Unterhaltungsobjekte, doch die landwirtschaftliche Tierhaltung und Zoos degradieren fühlende Lebewesen genau dazu.

Die wichtigsten Argumente gegen Zuchtprogramme in Zoos zur Arterhaltung

  • Alte „Nutztierrassen“ sind nur bedroht, weil Hochleistungsrassen als wirtschaftlicher erachtet werden und sie weitgehend ersetzt haben. Genau diese profitorientierte Tierhaltung ist für den Klimawandel und das damit verbundene Artensterben verantwortlich. Zu Hochleistungen gezüchtete Tierarten leiden in der kommerziellen Tierhaltung, bedrohte Tierarten hingegen in der Zoo-Gefangenschaft.
  • Für das jeweilige Tier ist es egal, ob seine Art bzw. Rasse vom Aussterben bedroht ist. Jedes einzelne Tier hängt jedoch an seinem eigenen Leben und möchte es ohne Leid in Freiheit verbringen und seinen natürlichen Bedürfnissen nachgehen.

Aus diesen Gründen fordern wir von PETA Deutschland, dass Artenschutz Wildtiere und ihre natürlichen Lebensräume erhalten muss – nicht spezifische und vom Menschen willkürlich kategorisierte Tierarten.

Was Sie tun können

  • Bitte besuchen Sie keine Zoos und Tierparks, in denen Tiere als Anschauungsobjekte zur Unterhaltung gehalten werden. Informieren Sie auch Familie, Freunde und Bekannte über tierfreundliche Zoo-Alternativen.
  • Bitte entscheiden Sie sich für eine tierfreundliche Lebensweise: Die Tierwirtschaft – und damit der Konsum tierischer Produkte – trägt nicht nur wesentlich zum Klimawandel bei, sondern Millionen Tiere leiden für die Ernährungsindustrie unter Überzüchtungen und schlechten Haltungs- und Lebensbedingungen. Wir helfen Ihnen beim Einstieg in die vegane Lebensweise mit unserem kostenlosen Veganstart-Programm.


[1] Verband der Zoologischen Gärten (VdZ) (2020): Presseeinladung. Die Bedrohung fängt vor der Haustür an. Pressekonferenz im Erlebnis-Zoo Hannover, https://www.presseportal.de/pm/129318/4701819, (eingesehen am 17.09.2020)
[2] Steinfeld, Henning/Gerber, Pierre/Wassenaar, Tom/Castel, Vincent/Rosales, Mauricio/de Haan, Cees (2006): Livestock's Long Shadow. Environmental Issues and Options. Rome: UN Food and Agriculture Organization (FAO).
[3] Nikendei, Christoph et al. (2020): Klimawandel: Ursachen, Folgen, Lösungsansätze und Implikationen für das Gesundheitswesen, in: Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen, (https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1865921720301008), (eingesehen am 17.09.2020)
[4] tagessschau.de (2020): WWF-Studie: „Wir verlieren die Vielfalt des Lebens“, https://www.tagesschau.de/wwf-artensterben-studie-101.html, (eingesehen am 17.09.2020)

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