Taubennest auf dem Balkon – entfernen oder nicht? Tipps 2018

Taubennest Balkon
Immer wieder kommt es vor, dass Taubennester auf Balkonen oder Dachböden aufgefunden werden. Oftmals herrscht dann große Ratlosigkeit, was man nun tun sollte.

Stadttaube versus Wildtaube

In einem ersten Schritt sollte überprüft werden, dass es sich wirklich um Stadttauben handelt. Wildtauben, wie die Ringel-, Hohl- oder Türkentaube, dürfen auf keinen Fall in ihrer Aufzucht gestört oder gehindert werden. Eier, Nester und Küken dürfen unter keinen Umständen entfernt werden. Sie sollten also vor dem Austauschen des Geleges sicherstellen, dass es sich definitiv nicht um Wildtauben handelt.

Stadttauben hingegen sind keine Wildtauben, sondern verwilderte domestizierte Tiere. Sie kommen in der Stadt nicht gut zurecht und sind vielen Gefahren ausgesetzt. Zudem brüten sie bis zu sechsmal im Jahr, Wildtauben dagegen nur zweimal. Auch dies ist ein Ergebnis ihrer ehemaligen Zucht. Daher ist eine Geburtenkontrolle bei Stadttauben tierschutzgerecht.

Geburtenkontrolle statt Tierleid

Auch eine PETA-Mitarbeiterin entdeckte auf ihrem Balkon ein Taubennest. Zwei Stadttauben hatten versucht, unter ihrer Solaranlage zu brüten. Den Tauben wurde ein Nistkasten zur Alternative angeboten, den sie bereitwillig annahmen. So hatte die PETA-Mitarbeiterin auch Gelegenheit, die Eier der Stadttauben durch Ei-Attrappen auszutauschen und damit mitzuhelfen, weiteres Tierleid durch Überpopulation zu verhindern.
 
Taubennest Balkon Taubenschlag

So sollten Sie vorgehen

Fall 1: Das Nest ist noch nicht gebaut bzw. es ist noch kein Ei gelegt und die Taube sitzt noch nicht darauf

Überlegen Sie zunächst, ob das Nest eventuell auf dem Balkon verbleiben kann. Sollte dies nicht möglich sein, z. B. weil dies die Tauben in Gefahr bringen würde, beispielsweise durch Erreichbarkeit für Beutegreifer, dann entfernen Sie das Nest und verhindern Sie durch Umstellen des Balkoninventars einen Neubau (Verschließen von Nischen, Spalten oder Vorsprüngen). Wichtig: Achten Sie unbedingt darauf, dass sich in den Spalten oder Nischen keine Tiere befinden, bevor diese verschlossen werden.

Fall 2: Das Nest ist fertig und es liegen zwei Eier darin, die aber noch nicht länger als vier Tage bebrütet wurden

Tauschen Sie die Eier gegen zwei Plastikeier aus und lassen Sie die Taube diese zu Ende bebrüten. Dies dauert ca. 17 Tage. Entfernen Sie danach die Plastikeier. Kann das Nest unter keinen Umständen auf dem Balkon verbleiben, entnehmen Sie die beiden Eier und legen Sie diese für einen Tag in den Tiefkühlschrank, ehe sie diese für die Wildvögel auf die Wiese legen. Das Nest kann dann entsorgt werden. Seien Sie sich aber bewusst, dass die vorzeitige Entfernung des Nestes bei der Taube Stress verursacht und sie versuchen wird, an gleicher Stelle neue Eier zu legen und auszubrüten.

Fall 3: Es liegen zwei Eier im Nest und die Taube bebrütet diese – Sie wissen aber nicht, wie lange schon

Bitte entnehmen Sie die Eier mit Einmalhandschuhen (das Körperfett Ihrer Hände kann die Eierschalenporen verstopfen) und durchleuchten Sie diese mit einer Taschenlampe. Bitte schütteln oder drehen Sie die Eier möglichst nicht. Wenn Sie nur ein helles Inneres sehen oder erste zarte Adern, tauschen Sie die Eier gegen Plastik-Attrappen aus und lassen Sie das Taubenpaar diese Plastikeier ca. 17 Tage weiter bebrüten. Die entnommenen Eier wieder in den Tiefkühlschrank legen und weiter wie unter Punkt zwei beschrieben verfahren.

Wenn sich beim Durchleuchten der Eier jedoch eine dunkle Füllung deutlich erkennen lässt und nur noch an der stumpfen Ei-Seite eine helle Luftblase, so hat sich der Embryo, und damit auch die Nerven und die Empfindsamkeit des Tieres, soweit entwickelt, dass ein Austausch des Eies nicht mehr möglich ist. Sie müssen nun abwarten, bis die Küken geschlüpft und vier bis sechs Wochen später ausgeflogen sind. Erst dann können Sie das Nest entfernen. Vermeiden Sie es ab diesem Zeitpunkt, die Vogelfamilie zu stören und unnötig zu stressen.

Fall 4: Es sind bereits Küken geschlüpft

Das Tierschutzgesetz besagt, dass das Leben aller Wirbeltiere geschützt ist. Das heißt, dass weder Nester noch Küken entfernt werden dürfen. Auch hier gilt: Sie müssen abwarten, bis die Küken geschlüpft sind und vier bis sechs Wochen später ausfliegen. Erst dann können Sie das Nest entfernen, sofern es nicht verbleiben kann. Vermeiden Sie es bis dahin, die Vogelfamilie zu stören. Wichtig: Das Nest sollte wirklich nur entfernt werden, wenn es die Tauben in Gefahr bringt.
 
  • Versuchen Sie zunächst immer, das Nest an Ort und Stelle zu belassen und die Eier gegen Plastikeier auszutauschen (falls dies zeitlich noch möglich ist). Lassen Sie die Tauben ihre Plastikeier dann solange bebrüten, wie sie wollen. Stadttauben sind standorttreu und werden erneut am gleichen Ort brüten, wenn Sie die Brut vorzeitig unterbrechen. Wenn Sie echte Taubeneier regelmäßig gegen Plastikeier austauschen, verhindern Sie die Vermehrung der Stadttauben auf tierfreundliche Art und Weise, lassen die Tiere aber dennoch ihren Bruttrieb ausleben.
  • Übrigens: Von den Nestern von Stadttauben geht kein höheres Gesundheitsrisiko aus als von denen anderer Wildvögel. Legen Sie unter dem Nest einfach Zeitungspapier aus, das Sie regelmäßig entfernen, um den Balkon leichter sauber halten zu können.
  • Geeignete Plastikeier zum Austauschen können Sie online bestellen (bitte nur gefüllte, keine hohlen) oder erkundigen Sie sich beim Stadttaubenprojekt Ihrer Region.
  • Auch beauftragte Schädlingsbekämpfer oder Taubenabwehrfirmen dürfen Küken nicht ohne amtliche Genehmigung und nur in Ausnahmefällen aus den Nestern entfernen. Sollten Sie dies dennoch beobachten, informieren Sie das zuständige Veterinäramt und die Taubenhilfe.

Was Sie tun können

  • Sollten Sie Taubenquälerei beobachten und vielleicht sogar mit einem Foto festhalten können, nutzen Sie unser Whistleblower-Formular.
  • Verschließen Sie die Augen nicht vor verletzten Stadttauben, sondern helfen Sie!
  • Wussten Sie, dass viele Stadttauben gestrandete „Brieftauben“ aus Wettflügen sind? Klären Sie Freunde und Familie über die Grausamkeit der Taubenwettflüge auf.

Unsere Autoren

Nadja Michler

Nadja hat Ethnologie in Frankfurt studiert, ist bekennende Crazy Cat Lady und liebt Füchse, Yoga und Apfelkuchen.