Terraristika in Hamm: Alles über die Reptilien- und Terraristikbörse

Viermal im Jahr findet in Hamm die weltweit größte Reptilienbörse „Terraristika“ statt. Tausende empfindliche Reptilien, Amphibien, Insekten und exotische Säugetiere werden dort wie auf dem Flohmarkt verramscht – viele von ihnen eingepfercht in winzigen Plastikboxen. Die Börse steht nicht nur wegen des Vorwurfs der Tierquälerei in der Kritik, sondern auch, weil in den „Zentralhallen Hamm“ und in deren Umkreis immer wieder mit streng geschützten Arten gehandelt wird. Viele der angebotenen Tiere sind Wildfänge, und so werden die letzten Regenwälder und Savannen geplündert, um auf der Terraristika die Nachfrage der Reptilienszene zu bedienen. Neben zahlreichen Tierschutzverstößen wurden mehrfach sogar illegale Parkplatzgeschäfte dokumentiert. Dennoch drücken die örtlichen Behörden regelmäßig beide Augen zu – auch weil die Börse ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in Hamm ist.
 
Tiere werden in Plastikboxen zum Kauf angeboten.

Im Minutentakt werden Tiere über die Verkaufstische gereicht

Seit über 20 Jahren werden den vorbeiströmenden Menschenmassen auf der Terraristika unterschiedlichste exotische Tierarten zum Kauf angeboten. Die Tiere sind meist in kleinen Plastikboxen und Käfigen ohne ausreichend Rückzugsmöglichkeiten untergebracht. Viele von ihnen kommen aus dem Ausland und haben lange stressige Transporte, oftmals ohne ausreichend Nahrung oder Wasser, hinter sich. Etliche Tiere überstehen diese Transporte nur schwerverletzt – oder gar nicht.
 
Im Minutentakt werden Tiere über die Verkaufstische gereicht.

Regelmäßig Kriminalität im Umfeld der Terraristika

Kaufinteressenten und Händler verabreden sich teilweise schon Wochen zuvor im Internet und tauschen die empfindlichen und teils geschützten Arten auf umliegenden Parkplätzen, im nahegelegenen Café oder in Hotels aus. Hier floriert der illegale Schwarzmarkt völlig unkontrolliert. Es handelt sich dabei nicht um Einzelfälle.

2015 gelang dem Essener Zoll ein Schlag gegen illegale Tierhändler in Hamm. Über 130 vom Aussterben bedrohte Reptilien und Amphibien in Plastikboxen wurden in einem nahegelegenen Hotel beschlagnahmt [1]. Der Wert der aufgefundenen Tiere lag bei rund 30.000 Euro. Bei einer anderen Razzia wurden drei Männer von der Polizei überprüft, die 600 Reptilien in ihrem Gepäck hatten – auch sie waren auf dem Weg nach Hamm.

Ein Großteil der Geschäfte bleibt jedoch oftmals unentdeckt, denn die Behörden werden nur in Verdachtsfällen tätig.

Ausverkauf der Natur

Viele der in Hamm gehandelten Tiere genießen in ihren Herkunftsländern einen besonderen Schutzstatus. Dennoch werden sie illegal gefangen und in die EU exportiert. In Deutschland sind sie dann plötzlich legal, da diese Tiere nicht durch internationale Abkommen geschützt sind. Mit der Kontrolle der Börse und der Händler sind die zuständigen Behörden schlichtweg überfordert – auf jeder Terraristika, die PETA besuchte, fanden sich massenhaft Verstöße gegen die Börsenleitlinien, gegen Artenschutzabkommen und gegen das Tierschutzgesetz. Im Koalitionsvertrag der vergangenen Bundesregierung aus CDU/CSU und SPD war bereits 2013 ein Verbot gewerblicher Tierbörsen für exotische Tiere vorgesehen, wurde aber nicht umgesetzt.
 
Reptilien Zwischenlager Saigon
Ausverkauf der Natur

Herkunft und Handel

Die exotischen Tiere stammen entweder aus privaten Nachzuchten (NZ), Farmzuchten (FZ) oder sind noch immer Wildfänge (WF). Weitere Kategorien sind die deutsche Nachzucht (DNZ) und die europäische Nachzucht (ENZ). Eine Farmzucht bedeutet in diesem Fall meist nichts anderes, als dass Elterntiere gefangen werden, sich im Herkunftsland auf einer Zuchtfarm fortpflanzen und die Jungtiere demnach als „Farmzucht“ verkauft werden. Informationen über diese Zuchtstätten dringen kaum nach außen, denn schließlich werden hier wilde Tiere ihres natürlichen Lebensraumes beraubt und – oftmals unter tierschutzwidrigen Bedingungen – auf den Versand in die ganze Welt vorbereitet. Die Herkunftsnachweise stellen eine weitere Problematik dar, denn allzu oft werden Artenschutzregelungen umgangen, indem Wildfänge als legale Nachzuchten ausgegeben werden. Eine Überprüfung der wahren Herkunft der Tiere ist nicht möglich. Bis zu 70 Prozent der empfindlichen Tiere sterben bereits durch Stress, Unterversorgung oder an transportbedingten Verletzungen, bevor sie überhaupt in den Handel kommen [2].
 
Bis zu 70 Prozent der empfindlichen Tiere sterben bereits bevor sie überhaupt in den Handel kommen.

Das Leid der Tiere in deutschen Wohnzimmern

Da es sich bei Schlangen, Echsen und anderen Reptilien um nicht-domestizierte Tiere handelt, sind ihre Verhaltensweisen, ihre Physis und ihre Psyche noch immer mit ihrem natürlichen Leben verbunden. Sie gewöhnen sich niemals an die Gefangenschaft, sondern leiden darunter. Eine artgerechte Haltung von exotischen Tieren in Gefangenschaft ist aus diesem Grund nicht möglich. Ein Großteil der von Privatpersonen gehaltenen Exoten stirbt frühzeitig, weil die Bedürfnisse der Tiere nicht entsprechend erfüllt werden. Eine tierärztliche Fallstudie, bei der rund 150 verstorbene Reptilien untersucht wurden, kam zu dem Ergebnis, dass 51 Prozent der Tiere an durch Haltungsfehler verursachten Krankheiten litten [3].

EXOPET-Studie bestätigt Handlungsbedarf

Statt Reptilienbörsen und Wildfangimporte zu verbieten, wie es im GroKo-Koalitionsvertrag 2013 vereinbart wurde, gab die Bundesregierung 2015 erst einmal eine mehrjährige Studie in Auftrag – obwohl sämtliche Fakten längst bekannt sind. Die sogenannte EXOPET-Studie [5] sollte Tierschutzprobleme im Handel und die Haltung von exotischen Tieren und Wildtieren in Privathand untersuchen. In der 31-monatigen Studie wurden Daten zur Haltung und zum Handel exotischer Vögel, Reptilien, Amphibien, exotischer Säugetiere und Zierfische erfasst und bewertet – meist auf Basis von Selbstauskünften von Haltern, Handel und Tierärzten. Die Ergebnisse zeigten auf, dass unzureichende Informationsquellen für die Halter, fehlende fundierte Standards für die Haltungsbedingungen und die Verwendung von tierschutzwidrigem Zubehör noch immer gang und gäbe sind. Von einem Verkauf von Tieren über Onlineplattformen wird in den Forschungsergebnissen zudem abgeraten – da der Internethandel als „nicht kontrollierbar“ gilt. Auch auf Tierbörsen wurden etliche Missstände, bedingt durch unzureichende Kontrollen, beobachtet.

Aufgrund der wissenschaftlich nachgewiesenen Missstände in der Haltung, auf Tierbörsen und der hohen Belastung von Tierheimen und Auffangstationen fordert PETA ein Haltungsverbot von exotischen Tieren in Privathand – bei bestehenden Haltungen soll die Nachzucht unterbleiben. Kaufbörsen mit exotischen Tieren müssen sofort verboten werden, so wie es in Österreich bereits seit 2016 gesetzlich geregelt ist.

Was Sie tun können

  • Besuchen Sie niemals eine Tierbörse und bitten Sie auch Ihre Familie und Freunde, dies nicht zu tun.
  • Bitte unterstützen Sie unsere Forderung die Terraristika in Hamm zu verbieten


[1] Illegale Reptilien weiterhin ein Problem. Online abrufbar unter https://www.welt.de/regionales/nrw/article153160493/Illegale-Reptilien-bleiben-weiterhin-ein-Problem.html letzter Zugriff am 14. Mai 2019
[2] Toland, Elaine / Warwick, Clifford / Arena, Phillip (2012): Pet Hate. In: The Biologist, Vol. 59 No. 3.
[3] Schmidt, Volker (2008): Die Bedeutung von haltungs- und ernährungsbedingten Schäden bei Reptilien. Eine retrospektive pathologische Studie. 4. Leipziger Tierärztekongress.
[4] Pressemitteilung Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Online abrufbar unter https://www.bmel.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/2018/170-Exopet.html letzter Zugriff am 08.05.2019
[5] Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft – Bundesweite Studie zu exotischen Tieren in privater Haltung abgeschlossen. Online abrufbar unter https://www.ble.de/SharedDocs/Meldungen/DE/2018/180626_Exopet.html letzter Zugriff am 08.05.2019