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Amazonas nahe am Kipp-Punkt: Wird der Dschungel bald zur Wüste?

Die Klimakrise und die Abholzung des Amazonasregenwalds – vorwiegend, um neue Weideflächen und Futtermittel für die Tierwirtschaft zu schaffen – haben dramatische Folgen: Laut einer aktuellen Studie könnte ein großer Teil des Amazonas kurz davorstehen, seine ausgeprägte Natur zu verlieren und von einem Regenwald in eine Savanne überzugehen.

Was sind Kipp-Punkte („Tipping Points“)?

Kipp-Punkte sind kritische Punkte bzw. Momente, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können, wenn sie überschritten werden, wodurch sie den Klimawandel deutlich beschleunigen. Kippen die Systeme, können die meisten davon nicht mehr in den alten Zustand zurückgeführt werden, selbst wenn die Menschheit auf einen Schlag emissionsfrei leben würde. Es gibt verschiedene Kipp-Punkte, darunter Gletscherschmelzen, Anstieg des Meeresspiegels, Absterben von Korallenriffen, Umwandlung des Amazonas-Regenwalds sowie Methan- und CO2-Emissionen aus tauenden Permafrostböden. Werden bestimmte Kipp-Elemente im Klima- und Erdsystem ausgelöst, kann es zu Kettenreaktionen kommen, durch die sich die Erderwärmung unkontrollierbar verstärken kann. Der Erde droht dann eine „Heißzeit“, bei der sie sich um vier bis fünf Grad erwärmen könnte und somit ein potenzielles Ende der menschlichen Zivilisation mit sich brächte. [1, 2]

Kipp-Punkt viel näher als angenommen

Im Amazonasgebiet war bekannt, dass solche Veränderungen möglich sind, man dachte jedoch, dass sie noch viele Jahrzehnte entfernt sind. Denn Regenwälder reagieren sehr empfindlich auf Veränderungen, die den Niederschlag über längere Zeiträume beeinflussen. Wenn der Regenfall unter einen bestimmten Schwellenwert fällt, können Gebiete in einen Savannenzustand übergehen. Neue Forschungen zeigen, dass dieser Wendepunkt viel näher liegen könnte als bisher angenommen. Laut einer Anfang Oktober 2020 veröffentlichten Studie [3] befinden sich jetzt 40 % des bestehenden Amazonas-Regenwaldes an einem Punkt, an dem er nicht mehr als Regenwald, sondern als Savanne existieren könnte. Denn Teile des Amazonasgebiets erhalten derzeit weniger Regen als früher, und dieser Trend wird sich voraussichtlich noch verstärken, wenn sich die Region aufgrund steigender Treibhausgasemissionen und Waldrodungen erwärmt. Wenn der Prozess einmal in Gang gekommen ist, lässt er sich nur schwer bis gar nicht mehr rückgängig machen. [3, 4]

Wies funktioniert der Regenwald?

Regenwälder sind Systeme, die ihr eigenes Klima beeinflussen. Der Amazonas-Regenwald beispielsweise erzeugt seine eigenen Regenfälle, indem er Feuchtigkeit aufnimmt, die Blätter Wasserdampf abgeben und dieser als Regen weiter nach unten fällt. Wenn jedoch zu viel von einem Regenwald zerstört wird, nimmt seine Fähigkeit zur Selbstregulierung ab und daher auch die Niederschlagsmenge. Das macht ihn laut der genannten Studie anfällig für Dürren, Brände und mehr. Insgesamt stellten die Forscher fest, dass mit dem Anstieg der Emissionen immer mehr Teile des Amazonasgebiets ihre natürliche Widerstandsfähigkeit verlieren, instabil werden und mit größerer Wahrscheinlichkeit austrocknen und sich zu einem savannenartigen Ökosystem wandeln. Die Experten sind zu der Erkenntnis gelangt, dass selbst der widerstandsfähigste Teil des Regenwaldes an Fläche schrumpft, was zur Reduzierung der Niederschlagsmenge und in der Folge zu einer Austrocknung und mehr Bränden und Waldverlust führt – ein Teufelskreis. [3, 4]

Was ist das Problem der Umwandlung?

Der Amazonas-Regenwald ist eine kritische Kohlenstoffsenke, die die Auswirkungen des Klimawandels mildert. Er schafft Sauerstoff, Wasser, Nahrung und Unterschlupf für Millionen von Tieren, Pflanzen und Menschen und fungiert damit als lebenswichtiger Speicher für die biologische Vielfalt. Regenwälder beherbergen ein weitaus größeres Spektrum an Arten als Savannen und spielen eine viel größere Rolle bei der Aufnahme von Kohlendioxid aus der Atmosphäre. Durch das Absterben der Bäume kann der Klimawandel weiter angeheizt werden, denn wenn das im Holz gebundene CO2 in die Atmosphäre abgegeben wird, geht auch ein wichtiger Sauerstoffproduzent verloren. Alleine der Amazonas-Regenwald ist für etwa 20 Prozent des globalen Sauerstoffs verantwortlich. Durch die Entwaldung wird der Regenfall reduziert, was zu einem erhöhten Feuerrisiko beiträgt und dadurch die Gefahr von Waldbränden und weiterem Waldsterben erhöhen kann. Durch das Feuer und die verbrennende Biomasse wird zusätzliches Kohlendioxid in die Atmosphäre ausgestoßen. Zudem sind Savannen leichter entflammbar und produzieren weniger Regenfälle, was Brände im Amazonas weiter vorantreiben könnte. [4, 5, 6]

Was hat die Tierwirtschaft damit zu tun?

Für das lukrative Geschäft der landwirtschaftlichen Tierhaltung bleiben Mensch, Natur und Tier auf der Strecke. Die Tierwirtschaft verursacht mehr Treibhausgasemissionen als der gesamte Verkehrssektor. [7] Zudem stellen die Tierwirtschaft und der damit verbundene Konsum tierischer Produkte auch die größte Gefahr für den Regenwald dar, denn zur Gewinnung neuer Weideflächen und zum Anbau von Futtermitteln für sogenannte Nutztiere werden enorme Regenwaldflächen gerodet – auch für die deutsche Tierwirtschaft. Die Welternährungsorganisation FAO macht die Umwandlung in Weideland für 80 Prozent der Verluste des Amazonasregenwaldes verantwortlich. [8] Die diesjährigen Waldbrände waren die schlimmsten in den letzten zehn Jahren mit einem prozentualen Anstieg von 60 % im Vergleich zum letzten Jahr. [9] Zwischen Juli und August 2020 stieg die Zahl der Brände in Brasilien auf mehr als das Doppelte der in den Vormonaten des Jahres verzeichneten Gesamtzahl. Berichten zufolge stehen Rindfleischunternehmen wie JBS – welche auch Fleischimporte nach Deutschland, unter anderem für das Fleischunternehmen Tönnies, tätigen – mit der Entwaldung und Landumwandlung in diesen Gebieten in Verbindung. [10] Diese teilweise illegalen Brände stellen zudem eine Bedrohung für die indigenen Stämme dar und führen zu einem gewaltigen Artensterben.

Was Sie tun können

Helfen Sie, den Regenwald und alle dort beheimateten Lebewesen zu retten: Entscheiden Sie sich für eine vegane Ernährung. Wenn Sie keine tierischen Produkte konsumieren und die Nachfrage nach Fleisch, Milch und Eiern damit senken, wird auch weniger Regenwald gerodet. Das kostenlose Veganstart-Programm unterstützt Sie beim mühelosen Einstieg in die vegane Ernährung – einfach anmelden und Sie erhalten 30 Tage lang nützliche Tipps und leckere vegane Rezepte.



[1] Biodiversity Information System Europe: Tipping Points, https://biodiversity.europa.eu/topics/tipping-points, (eingesehen am 07.10.2020)
[2] Quarks: 6 tickende Zeitbomben, die unser Klima radikal verändern würden https://www.quarks.de/umwelt/klimawandel/diese-5-kippelemente-beschleunigen-die-klimaerwaermung/, (eingesehen am 07.10.2020)
[3] Science Daily: 40 percent of Amazon could now exist as rainforest or savanna-like ecosystems, https://www.sciencedaily.com/releases/2020/10/201005080859.htm, (eingesehen am 07.10.2020)
[4] The Guardian: Amazon near tipping point of switching from rainforest to savannah – study, https://www.theguardian.com/environment/2020/oct/05/amazon-near-tipping-point-of-switching-from-rainforest-to-savannah-study?CMP=Share_AndroidApp_Other, (eingesehen am 07.10.2020)
[5] Zeit Online: Der Amazonas-Regenwald als "grüne Lunge" und Klimaretter, https://www.zeit.de/news/2019-08/23/der-amazonas-regenwald-als-gruene-lunge-und-klimaretter, (eingesehen am 07.10.2020)
[6] Internet Geography: What are the effects of deforestation in the Amazon? https://www.internetgeography.net/topics/what-are-the-effects-of-deforestation-in-the-amazon/, (eingesehen am 07.10.2020)
[7] Gerber, P.J./Steinfeld, H./Henderson, B./Mottet, A./Opio, C./Dijkman, J./Falcucci, A./Tempio, G. (2013): Tackling Climate Change through Livestock - A global assessment of emissions and mitigation opportunities, FAO, http://www.fao.org/3/a-i3437e.pdf, (eingesehen am 07.10.2020)
[8] Chain Reaction Research: Brazilian Beef Supply Chain Under Pressure Amid Worsening ESG Impacts, https://chainreactionresearch.com/report/brazilian-beef-supply-chain-under-pressure-amid-worsening-esg-impacts/, (eingesehen am 07.10.2020)
[9] The Guardian: Amazon tragedy repeats itself as Brazil rainforest goes up in smoke, https://www.theguardian.com/world/2020/sep/02/amazon-fires-brazil-rainforest-bolsonaro-destruction, (eingesehen am 07.10.2020)
[10] Mighty Earth: Fanning the Flames, https://stories.mightyearth.org/amazonfires2020/index.html, (eingesehen am 07.10.2020)

Unsere Autoren

Ilana Bollag

Fachreferentin für Klima und Umwelt bei PETA Deutschland. Um Missständen entgegenzuwirken, erhebt Ilana ihre Stimme für die Tiere und die Umwelt.