Ende Oktober erreichte uns bei PETA Deutschland eine Whistleblower-Meldung mit Aufnahmen aus fünf Schweinehaltungsbetrieben in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen – alle Betriebe nehmen an der Initiative Tierwohl teil und werden darüber hinaus durch unternehmenseigene Tierwohlprogramme zertifiziert. Die Videos dokumentieren unter anderem Schweine, die auf fäkalienverschmierten Spaltenböden und verdreckter Stroheinstreu leben, Hautverletzungen und kupierte Schwänze haben und Hinweise auf Erkrankungen wie Atemwegsprobleme zeigen.
Dass diese Tiere später als Fleisch in Supermärkten angeboten werden, wurde weder von Edeka, Kaufland noch Rewe bestritten, nachdem wir sie um Stellungnahme gebeten hatten. Die Aufnahmen werfen ein trauriges, aber realistisches Bild auf Zustände, die auch in Haltungsformen mit Tierwohllabel häufig vorkommen – und machen deutlich: Die Schweine leiden in allen Haltungsformen.
Kot, Wunden, Stress: So leiden Schweine in Haltungsformen mit Tierwohllabel wie Initiative Tierwohl
Die Videos aus den verschiedenen Betrieben mögen Momentaufnahmen sein, formen aber dennoch ein wiederkehrendes Bild: Viele Schweine tragen Kratzwunden von Rangkämpfen – oft ausgelöst durch Platzmangel, neue Gruppenzusammensetzungen oder Langeweile. Diese Verletzungen stellen scheinbar jedoch laut Amtstierärzt:innen „keine tierschutzrechtlichen Verstöße“ dar. Das Stroh, das als „Beschäftigungsmaterial“ dienen soll, ist oftmals verschmutzt und kann ohnehin nicht für das „Wohl“ der neugierigen Tiere sorgen.
Obwohl die Schweine teils doppelt so viel Platz haben wie in der konventionellen Haltung, finden sie häufig keine Möglichkeit, ihren Lebensraum nach Funktionsbereichen einzuteilen, sodass sie dort schlafen und essen, wo sie auch Kot und Urin absetzen. Für die reinlichen Tiere kann dies zu Stress und Leiden führen. Gemäß § 1 Tierschutzgesetz (TierSchG) ist der Mensch verpflichtet, das Leben und Wohlbefinden eines jeden Tieres zu schützen und ihm ohne vernünftigen Grund keine Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen. Das Halten von Schweinen unter den zuvor beschriebenen Bedingungen widerspricht diesem Grundsatz. Da unserer Ansicht nach für diese Haltungsbedingungen kein vernünftiger Grund besteht, ist ein solches vermeidbares Leid zu verhindern.
Immer wieder sind hustende Schweine oder Tiere im sogenannten Hundesitz zu sehen, mögliche Hinweise auf Atemwegsprobleme. In einem der Betriebe waren laut Veterinärbehörde zwar bei der Kontrolle Anfang November keine Erkrankungen der Atemwege festzustellen. Den Bestandsprotokollen der Hoftierärztin sei aber zu entnehmen, dass im April unter anderem Behandlungen wegen Lungenentzündungen erfolgt seien. Die Schweine stehen auf kotverschmierten Spaltenböden oder in zentimetertiefem, verdrecktem und nassem Stroh. Laut Veterinärbehörde würde bei „großzügigem Platzangebot“ Kot jedoch nicht so schnell durch die Spalten im Boden getreten. Diese Zustände sind weder normal noch sind sie vereinbar mit dem, was die Initiative Tierwohl oder andere Tierwohllabel glaubhaft machen wollen. Zudem stehen sie im krassen Gegensatz zu den Selbstdarstellungen der Betriebe auf ihren Webseiten, teils sogar mit KI-generiertem Bildmaterial, und somit zu den Erwartungen der Verbraucher:innen.
PETA fordert Antworten zu den Missständen in den Schweinemastbetrieben
Wir haben die Initiative Tierwohl um eine Stellungnahme gebeten und auch die Supermarktketten Edeka, Kaufland und Rewe um Rückmeldung gebeten. In allen Antworten wird angegeben, dass dem Tierwohl ein „hoher Stellenwert“, „oberste Priorität“ eingeräumt wird und „Verantwortung“ für dieses übernommen werde. Man distanziere sich von „jeglicher Form der Tierquälerei“ und man dulde „absolut keine Verstöße gegen geltendes Tierschutzrecht“ oder „gegen geltende Tierschutzrichtlinien“. Die dokumentierten Zustände würden jedoch keine „Verstöße“ darstellen, was ihre unabhängigen Audits sowie die Kontrollen der zuständigen Veterinärämter bestätigt hätten. Bezüglich eines Edeka-Zulieferers meldete uns das zuständige Veterinäramt hingegen zurück, „dass entsprechende Maßnahmen gegen den zuständigen Tierhalter und Landwirt bereits in die Wege geleitet worden sind“. Auch in einem anderen Betrieb wurden „geringfügige Mängel“ festgestellt, die bei einer unangekündigten Nachkontrolle wiederholt überprüft werden sollen.
Diese Fälle verdeutlichen wieder einmal: Das Leiden der Schweine in der Fleischwirtschaft ist systembedingt und wird in allen Haltungsformen normalisiert. Ein wenig Stroh und etwas mehr Platz machen kein „glückliches Schwein“, sondern ausschließlich die Landwirt:innen ein paar Cent reicher.
„Tiernutzung und Tierwohl schließen einander grundsätzlich aus – das machen diese Aufnahmen mehr als deutlich. Landwirtschaftliche Tierhaltung bedeutet immer Leid, denn die Tiere werden dem Haltungssystem angepasst, nicht andersherum. Tierwohllabels sind Verbrauchertäuschung. Das Leiden der Schweine in der Fleischwirtschaft ist systembedingt und wird in allen Haltungsformen normalisiert. Ein wenig Stroh und etwas mehr Platz machen kein ‚glückliches Schwein’. Davon profitieren nur Landwirt:innen. Wir setzen uns deshalb für einen Ausstieg aus der landwirtschaftlichen Tierhaltung ein. Nur das Vegan-Label ist ein Tierwohllabel.“
Julia Weibel, Fachreferentin für Tiere in der Landwirtschaft bei PETA.
Schweine in der Ernährungsindustrie: ein Leben voller Leid
Jedes Jahr werden über 40 Millionen Schweine in einem Alter von rund sechs Monaten in deutschen Schlachthöfen getötet. In der Tierwirtschaft leben sie meist unter Bedingungen, die ihrem Wesen völlig widersprechen, dicht gedrängt und ohne angemessene Beschäftigung oder Bewegungsmöglichkeiten. Viele Tiere erkranken an Abszessen oder Atemwegsproblemen.
Die psychische Belastung für jedes Individuum ist enorm. Aus Frust und Langeweile beißen die Tiere in landwirtschaftlichen Betrieben oftmals beispielsweise wiederholt in Metallstangen, sind apathisch oder lassen ihren Frust aneinander aus. Häufig kommt es vor, dass sich die Schweine gegenseitig beißen oder in Rangkämpfe verwickeln, die Verletzungen nach sich ziehen können. Durch den konstanten Bewegungsmangel und Kontakt mit Fäkalien steigt die Gefahr für diverse Krankheiten. Dieses alltägliche Leid – auch in Betrieben mit Tierwohllabel – steht im klaren Widerspruch zu der Wortbedeutung von Tierwohl, einem Zustand physischer und psychischer Gesundheit.
PETA präsentiert Ausstiegsplan aus der Tierwirtschaft
Jedes Jahr tötet die tierhaltende Landwirtschaft allein in Deutschland rund 750 Millionen fühlende Lebewesen und gehört zu den ressourcenintensivsten und umweltschädlichsten Wirtschaftszweigen unserer Zeit. [1] Eine Agrarwende hin zu einer tierfreien Landwirtschaft ist dringend erforderlich, um das Leben künftiger Generationen zu sichern. Aus diesem Grund haben wir Ende Mai einen Ausstiegsplan aus der Tierwirtschaft veröffentlicht und fordern die Politik zum Handeln auf.
Unser Ausstiegsplan zeigt konkrete Schritte auf, wie ein Umstieg auf veganen Ökolandbau gelingen kann, um die Zukunft von Tieren und Menschen zu sichern und die Klimakatastrophe abzumildern. Der Plan enthält zudem eine Strategie für den Ausstieg aus der landwirtschaftlichen Tierhaltung.
Pflanzliche Nahrungsmittel sparen im Vergleich zu tierischen Produkten zahlreiche Ressourcen und lassen sich weitaus umweltschonender herstellen. Bei der Entwicklung des Plans unterstützte uns Martin Müller, Gründer der Initiative „landwirtschaft.jetzt“.
Jetzt aktiv werden: Unterstützen Sie unseren Ausstiegsplan
Sie wollen das Leid der Tiere in der Tierwirtschaft nicht mehr hinnehmen? Dann schließen Sie sich unserer Forderung nach einer tierfreien Landwirtschaft an. Mit Ihrer Stimme verhelfen Sie unserem Ausstiegsplan zu mehr Durchschlagskraft und fördern so die Vision einer Zukunft, in der Mensch und Tier auf unserem Planeten einvernehmlich zusammenleben.
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Quellen
[1] Shepon et al. (2018): The opportunity cost of animal based diets exceeds all food losses, https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.1713820115 (eingesehen am 04.12.2025)