Warum werden Tierversuche durchgeführt? Alle wichtigen Infos

In Deutschland werden jedes Jahr Millionen Tiere in Tierversuchen missbraucht. Da stellt sich die Frage: Warum werden eigentlich weiterhin Tierversuche durchgeführt, obwohl es heute verlässlichere tierfreie Methoden gibt?

Inhaltsverzeichnis

Sind Tierversuche rechtlich erlaubt?

Laut Tierschutzgesetz dürfen Tierversuche durchgeführt werden, wenn sie als „unerlässlich“ gelten und „die zu erwartenden Schmerzen, Leiden oder Schäden der Tiere im Hinblick auf den Versuchszweck ethisch vertretbar“ sind. [1] In der Realität heißt das: Elektroschocks, Implantate in das Gehirn, Injizieren von Krebszellen und weitere Quälereien werden genehmigt, sofern die Experimentatoren dieses grausame Vorgehen mit der „Erweiterung von medizinischem Wissen“ begründen. Was „ethisch vertretbar“ bedeutet, ist letztendlich Auslegungssache und wird von Menschen entschieden, die verständlicherweise nie mit den Tieren tauschen wollen würden.

Dieses Leben steht den empfindsamen Primaten bevor – von den quälerischen Versuchen einmal abgesehen. Das Tageslicht wird dieser Makake nie wieder zu sehen bekommen.

Bei jedem einzelnen Tierversuch wird der ethische Aspekt rigoros missachtet und die Tatsache ignoriert, dass Tiere schlichtweg nicht dazu da sind, dass wir an ihnen experimentieren. Es steht uns ganz einfach nicht zu, Leben gegen anderes Leben aufzuwiegen und qualvolle Tierversuche mit einem vermeintlichen Nutzen zu rechtfertigen. Es ist falsch, Tiere in kleine Käfige zu sperren, ihnen ein Leben ohne adäquate Sozialkontakte aufzuzwingen und sie in Experimenten zu quälen und schlussendlich zu töten. Ganz gleich, ob Affe, Hund oder Maus: Kein Tier verdient es, in einem Versuchslabor eingesperrt und grausamem Missbrauch ausgesetzt zu werden, der außerhalb des Labors illegal wäre.  

Warum gibt es noch immer Tierversuche?

Tierversuche werden aus Gewohnheit durchgeführt

Oft sind Tierversuche Teil eines Routineverfahrens – ein klassischer Fall von „Das wurde schon immer so gemacht“. Deswegen sind Tierversuche häufig noch das Mittel der Wahl, auch wenn immer mehr Alternativmethoden zur Auswahl stehen, deren Ergebnisse sich zudem besser auf den Menschen übertragen lassen.

Viele Tierversuche sind gesetzlich vorgeschrieben

In einigen Bereichen sind Tierversuche leider gesetzlich vorgeschrieben, unter anderem

Tierversuche an Kaninchen Skizze

Die Ergebnisse aus Tierversuchen sind jedoch kaum auf den Menschen übertragbar, weshalb sie wenig aussagekräftig und teilweise sogar gefährlich sind.

Für viele solcher Versuche gibt es heute Alternativmethoden. Das Problem ist jedoch, dass der Zulassungsprozess langwierig und teuer ist – oft fehlen die nötigen Gelder, weil die finanzielle Förderung zum Großteil in Tierversuche fließt.

Tierversuche als Stufe auf der Karriereleiter

In der wissenschaftlichen Forschung kommt noch ein weiterer Faktor hinzu, denn Erfolg in der Wissenschaft baut allgemein auf einem fehlgeleiteten Karrieresystem auf: Wer sich in der Forschung einen Namen machen möchte, muss publizieren, und zwar viel. Je mehr Paper in renommierten Fachzeitschriften veröffentlicht sind, desto besser.

Tierversuche sind ein recht einfacher Weg, um Studienergebnisse zu generieren und damit Veröffentlichungen voranzutreiben. Sie werden finanziell gefördert und müssen kaum Hürden überwinden, um genehmigt zu werden. Ob die Forschungsergebnisse überhaupt auf den Menschen übertragbar sind, ist zweitrangig.

Tierversuche sind also Teil eines Teufelskreises, um in einem überholten Forschungssystem die Karriereleiter zu erklimmen.

Studierende in Studiengängen wie Biologie, Tiermedizin und Humanmedizin wachsen von Beginn an in dieses überholte System hinein. Schon im Studium werden Sektionen und Tierversuche von der Hochschule vorgegeben und gehören zum Alltag. Dabei wird komplett außer Acht gelassen, dass Tierversuche ethisch nicht zu rechtfertigen sind. Die Tiere werden als „Messinstrumente“ missbraucht, während sie oft erheblichem Leid ausgesetzt sind und ein trauriges Dasein in einem Labor fristen müssen.

Millionenschwere Industrie

Was viele nicht wissen: Hinter Tierversuchen steckt eine gewaltige Industrie. Alleine Mauritius, das nach China zweitgrößter weltweiter Exporteur von Affen zu Versuchszwecken ist, verdient jährlich 17 Millionen Euro mit dem grausamen Handel. Aus Mauritius werden jährlich bis zu 10.000 Makaken nach Europa und in die USA geliefert, wo sie in Tierversuchen missbraucht werden. [2]

Auch hinter der Zucht von Mäusen, Ratten und anderen Tieren, die in der Forschung gequält werden, verbirgt sich eine profitgierige Industrie – und die hat selbstverständlich Interesse daran, dass Tierversuche weiter durchgeführt werden. Sie profitiert millionenfach von der Ausbeutung und dem Leid fühlender Lebewesen – ebenso wie Hersteller von Käfigen, speziellem sterilem Futter und Laborequipment.

Sind Tierversuche Tierquälerei?

In grausamsten Experimenten werden unterschiedlichste Tierarten missbraucht, gequält und getötet – die Absurdität kennt dabei keine Grenzen:

  • So saugten Experimentatoren in einem Versuch Ratten einen Teil des Gehirns ab und implantierten eine Elektrode in den Kopf der Tiere, um Nervenimpulse bei Berührung der abgeschnittenen Schnurhaare zu messen – nur um herauszufinden, welche Nerven bei Druck auf die Tasthaare aktiviert werden. [3]
  • Zur Stressforschung wurden Mäuse monatelang in ständige Angst versetzt und Schmerzen ausgesetzt. Sie wurden unter Nahrungs- und Wasserentzug bewegungsunfähig in enge Plastikröhren gesteckt oder zusammen mit aggressiven Artgenossen eingesperrt, die sie immer wieder angriffen. [4] Mit heißen Platten und anderen Instrumenten wurden den Mäusen absichtlich Schmerzen zugefügt, nur um ihr Verhalten zu beobachten. [4, 5]
Tierversuchsratte

Gesetzlicher Tierschutz versagt

Sogenannte Forscher:innen, die Tierversuche durchführen, berufen sich auf die vermeintlich strengen Regularien in Deutschland: Alles fände im gesetzlichen Rahmen statt und sei behördlich genehmigt, heißt es oft.

Dabei wird völlig übergangen, dass die Bundesregierung jahrelang nicht einmal die ohnehin unzulänglichen Vorgaben der EU umgesetzt hat. Das Tierschutzgesetz besagt eigentlich, dass „niemand […] einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen [darf]“ [6] – Tierversuche sind jedoch davon ausgenommen, selbst wenn sie nur der Befriedigung wissenschaftlicher Neugierde dienen.

Hinzu kommt, dass in den sogenannten Tierversuchskommissionen, die oft fälschlicherweise als Ethikkommissionen bezeichnet werden, Tierschutzvertreter:innen in der Minderheit sind – den größeren Anteil machen Wissenschaftler:innen aus, die ihre eigenen Interessen vertreten. Die Kommissionen können den Behörden, die über Tierversuchsanträge entscheiden, lediglich ein Votum übermitteln und haben keinerlei Entscheidungsgewalt über die Genehmigung oder Ablehnung eines Tierversuchsvorhabens. Selbst die Genehmigungsbehörde führt nur eine „Plausibilitätsprüfung“ des Antrags durch – kontrolliert also lediglich, ob ein Antrag formal korrekt ist. In Deutschland werden weniger als ein Prozent der Anträge abgelehnt. [7]

Warum werden Tierversuche nicht verboten?

Tierversuche sind noch nicht verboten, weil sie von großen Teilen der Politik als„unerlässlich“ eingestuft werden und ihre angebliche Notwendigkeit in einigen Bereichen daher im Gesetz festgehalten ist. Dem liegen veraltete Denkmuster zugrunde, durch die politische und wirtschaftliche Entscheidungsträger an dieser Wissenschaft von gestern festhalten, statt sich mit der Förderung und Weiterentwicklung tierfreier Forschungsmethoden auseinanderzusetzen. PETA setzt sich für das Ende aller Tierversuche ein und hat daher auch den „Research Modernisation Deal“ erarbeitet. Das 70 Seiten umfassende Dokument fasst Hunderte wissenschaftliche Belege zusammen und stellt damit einen Leitfaden zur Modernisierung der Forschung dar, der als Grundlage für einen verbindlichen Ausstiegsplan aus Tierversuchen dienen kann. Schließlich hat die aktuelle Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag festgehalten, eine Reduktionsstrategie aus Tierversuchen auszuarbeiten.

Wann werden Tierversuche verboten?

Offiziell sind in der EU zumindest Tierversuche für Kosmetik seit 2013 verboten – doch andere Regelungen hebeln dieses Verbot aus, sodass nach wie vor selbst für Kosmetik Tierversuche durchgeführt werden. Wir brauchen dringend einen Ausstiegplan, der konkrete Schritte festlegt, sodass es eine Zukunft ohne Tierversuche geben kann. Um dieses Ziel zu erreichen, haben wir von PETA Deutschland gemeinsam mit unseren internationalen Partnerorganisationen eine Europäische Bürgerinitiative für eine tierversuchsfreie EU gestartet. Mit den erforderlichen Unterschriften möchten wir die Politik dazu bewegen, die Forschung zu modernisieren, indem tierfreie Methoden verstärkt gefördert und Tierversuche endgültig verboten werden.

Gif Wissenschaft statt Tierversuche

Geben Sie moderner, tierfreier Wissenschaft Ihre Stimme

Jedes Jahr werden rund 3 Millionen Tiere in Deutschland pro Jahr im Namen der „Wissenschaft“ missbraucht und getötet.

Daher haben wir ein detailliertes Strategiepapier für die Politik zusammenstellt. Mit dessen Hilfe kann die Regierung einen Ausstiegsplan erarbeiten, um Tierversuche endgültig abzuschaffen und die Wissenschaft zu modernisieren: Von PETAs Research Modernisation Deal (RMD) profitieren nicht nur Tausende leidende Tiere, sondern auch wir Menschen und die Umwelt. Unterstützen Sie jetzt die Forderung nach tierfreier Wissenschaft!

  • Quellen

    [1] Bundesamt für Justiz: Tierschutzgesetz, § 7a, https://www.gesetze-im-internet.de/tierschg/BJNR012770972.html (eingesehen am 20.06.2022)

    [2] Florens, Vincent (2022): The macaque monkeys of Mauritius: an invasive alien species, and a major export for research, https://theconversation.com/the-macaque-monkeys-of-mauritius-an-invasive-alien-species-and-a-major-export-for-research-176569 (eingesehen am 03.06.2022)

    [3] Stüttgen, M.C. et al., 2008: Responses of rat trigeminal ganglion neurons to longitudinal whisker stimulation. Journal of Neurophysiology, vol. 100, pp. 1879-1884.

    [4] Lomazzo, E. et al., 2017: Chronic stress leads to epigenetic dysregulation in the neuropeptide-Y and cannabinoid CB1 receptor genes in the mouse cingulate cortex. Neuropharmacology, vol. 113, pp. 301–313

    [5] Lomazzo, E. et al., 2015: Therapeutic Potential of Inhibitors of Endocannabinoid Degradation for the Treatment of Stress-Related Hyperalgesia in an Animal Model of Chronic Pain. Neuropsychopharmacology, vol. 40, pp. 488–501

    [6] Bundesamt für Justiz: Tierschutzgesetz, § 1, https://www.gesetze-im-internet.de/tierschg/BJNR012770972.html (eingesehen am 03.06.2022)

    [7] Strittmatter, S. (2019) “Applications for animal experiments are rarely rejected in Germany”, ALTEX – Alternatives to animal experimentation, 36(3), pp. 470–471. doi: 10.14573/altex.1906111.