Präzisionsfermentation ist ein biotechnologisches Verfahren, bei dem Proteine und Fette mithilfe von Mikroorganismen hergestellt werden. Ein großer Schritt für die Lebensmittelherstellung, ein noch größerer Schritt für die Tiere. Denn diese innovative Art und Weise, wie wir Nahrung herstellen können, beweist einmal mehr, dass wir kein einziges Tier einsperren, ausbeuten und töten müssen, um uns wie gewohnt ernähren zu können.
Was bedeutet Präzisionsfermentation und wie funktioniert sie?
Präzisionsfermentation ist eine innovative Weiterentwicklung der traditionellen Fermentation durch den Einsatz von Biotechnologie. Die für die Fermentation notwendigen Mikroorganismen wie
- Hefe,
- Bakterien
- oder Pilze
werden bei der Präzisionsfermentation „umprogrammiert“, also präzisiert, damit sie bestimmte komplexe Proteine oder Fette produzieren, die bisher nur von tierischen Lebewesen erzeugt werden konnten. [1, 2]
Die präzisionsfermentierten Proteine verhalten sich dann funktional identisch wie in tierischen Nahrungsmitteln, etwa beim Schäumen oder Schmelzen. Entsprechend programmierte Bakterien kommen bspw. in riesigen Fermentern zum Einsatz, um das Milcheiweiß Casein zu produzieren, aus dem Milchprodukte mit dem gewohnten Geschmack hergestellt werden können – ganz ohne Kuh, Ziege oder Schaf.
Das Verfahren der Präzisionsfermentation macht aus Tradition Innovation und kann einen „fundamentalen Paradigmenwechsel in der Lebensmittelherstellung“ [1] einleiten, um unser Ernährungssystem nachhaltig und vor allem tierfrei zu gestalten.
Was ist der Unterschied zwischen traditioneller Fermentation und Präzisionsfermentation?
Fermentation beschreibt die biologische Stoffumwandlung durch lebende Organismen wie Hefe, Bakterien oder Pilze. Traditionell kommt sie zum Einsatz, um bestimmte Lebensmittel zu konservieren, wie beispielsweise Sauerkraut, oder alkoholische Getränke wie Bier herzustellen. [4] Aber auch bei der Herstellung von Kimchi, Brot oder Tempeh wird sie eingesetzt. [2]
Bei der Präzisionsfermentation werden Hefe, Bakterien oder Pilze hingegen dafür verwendet, einzelne Bestandteile von Lebensmitteln herzustellen, die bislang nur in tierischen Produkten vorkommen. Milcheiweiß oder Proteine, wie sie sonst nur in Eiern zu finden sind, können somit hergestellt werden, ohne dass dafür Tiere eingesperrt, ausgebeutet und getötet werden müssen.

Wofür wird Präzisionsfermentation verwendet?
Die Herstellung von tierischen Produkten gehört zu den ineffizientesten und ressourcenintensivsten Produktionsweisen unserer Zeit. [5] Dafür leiden jährlich Milliarden Tiere weltweit, es werden viele Millionen Hektar Landfläche beansprucht, enorme Wassermengen dafür aufgewendet und mehr Treibhausgasemissionen verursacht als durch den gesamten globalen Verkehrssektor. [6]
Mit dem Einsatz der Präzisionsfermentation kann der Umweg über das Tier und die damit verbundenen ethischen und ökologischen Auswirkungen der Herstellung von Milch-, Eier- oder Fleischprodukten umgangen werden. Durch Verwendung der Präzisionsfermentation kann ein nachhaltiges Lebensmittelsystem aufgebaut werden, das für alle gerecht und gesund ist.
- Die amerikanische Firma The Every Company setzt Präzisionsfermentation bspw. dafür ein, mit gentechnisch veränderten Hefen molekular identische Eiproteine herzustellen. [3]
- Das israelische Unternehmen Remilk produziert mit Präzisionsfermentation Milchproteine und kooperiert bereits mit internationalen Molkereipartnern.
- Perfect Dayaus den USA vermarktet fermentationsbasierte Milchproteine, die bereits in verschiedenen Milch- und Eisprodukten genutzt werden. [7]
- Auch in Deutschland arbeiten Startups wie Precision Labs [8] oder Formo [9] daran, präzisionsfermentierte Milchprodukte auf den Markt zu bringen.
An der Universität Hohenheim startete im Februar 2026 außerdem das zweijährige Projekt C.A.T.A.L.Y.S.T, bei dem „skalierbare Bioreaktorsysteme für die bakterielle und pilzbasierte Präzisionsfermentation von funktionellen, sicheren und gesunden Lebensmitteln bzw. Lebensmittelbestandteilen“ zum Einsatz kommen. [10]
Was ist Präzisionsfermentation bei Fleisch?
Neben der Herstellung von Ei- oder Milchproteinen kommt die Präzisionsfermentation auch bei der alternativen Herstellung von Fleischprodukten zum Einsatz. Für die Produktion von In-vitro-Fleisch kann mithilfe der Präzisionsfermentation beispielsweise ein nicht-tierisches Wachstumsmedium gewonnen werden, in dem sich tierische Stammzellen dann vermehren. Durch Präzisionsfermentation kann außerdem das sogenannte Häm-Protein erzeugt werden, das pflanzliche Fleischalternativen „blutig“ erscheinen lässt. [2]
Obwohl die Präzisionsfermentation schon seit einigen Jahrzehnten erforscht und weiterentwickelt wird, so befindet sich ihre Anwendung vor allem in Europa noch relativ am Anfang. Diese Innovation wird nicht nur die Art und Weise, wie wir Lebensmittel herstellen, komplett verändern, sondern auch, wie wir sogenannte Nutztiere sehen und behandeln. Nicht zuletzt beim Umstieg auf eine tierfreie Landwirtschaft spielt die Präzisionsfermentation eine entscheidende Rolle.
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Quellen
[1] FoodCampusBerlin (19.03.2024): Fermentation – Tradition zu Innovation, https://www.foodcampus.berlin/magazin/fermentation-tradition-zu-innovation (eingesehen am 06.03.2026)
[2] Zukunftsinstitut (08.04.2024): Präzisionsfermentation: Großes Potenzial für neue Lebensmittel, https://www.zukunftsinstitut.de/zukunftsthemen/praezisionsfermentation-fantastische-geschmackswelten (eingesehen am 20.03.2026)
[3] Mares Magazin (27.11.2025): Die Eiprotein-Revolution: The Every Company krempelt die Food-Industrie um, https://www.maresmedia.se/die-eiprotein-revolution-the-every-company-krempelt-die-food-industrie-um/ (eingesehen am 06.03.2026)
[4] TransparenzGentechnik (transGen): Präzisionsfermentation, https://www.transgen.de/lexikon/2862.praezisionsfermentation.html (eingesehen am 06.03.2026)
[5] Shepon et al. (2018): The opportunity cost of animal based diets exceeds all food losses, https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.1713820115 (eingesehen am 10.04.2026)
[6] Xu et al. (2021): Global greenhouse gas emissions from animal-based foods are twice those of plant-based foods. Nature Food, https://www.nature.com/articles/s43016-021-00358-x (eingesehen am 10.04.2026)
[7] top.tirol – wirtschaftendas! (03.01.2026): Milch ohne Kuh – Wie Biotech unsere Ernährung revolutioniert, https://www.top.tirol/news/milch-ohne-kuh-wie-biotech-unsere-ernaehrung-revolutioniert (eingesehen am 20.03.2026)
[8] Munich Startup (09.04.2026): Milch ohne Kuh – Fortschritt mit Geduld, https://www.munich-startup.de/119182/milch-ohne-kuh-fortschritt-mit-geduld/ (eingesehen am 10.04.2026)
[9] Formo (2026), https://formo.bio/ (eingesehen am 10.04.2026)
[10] Universität Hohenheim (2026): Fachgebiet Pflanzliche Lebensmittel. Laufende Projekte, https://plant-based-foods.uni-hohenheim.de/forschungsprojekte#answer_20995_491121_5bc54 (eingesehen am 10.04.2026)